Dieter Timm

Wertfreier Fortschritt?

(Vortrag vom 18. März 1993)

Unruhe, Unzufriedenheit, ein zeitlich begrenztes Geschehen? Um die Hafenstraße ist es ruhiger geworden, aber Skinheads und neonazistische Erscheinungen und Neigungen Jugendlicher oder wirklich nur Jugendlicher?, lassen mich nachdenklich sein und gaben Anlanß zu dieser Zeichnung.

Wo der Protest gegen das Bestehende, insbesondere gegen jede Art von behaupteter Autoritat heute aufflammt, richtet er sich fast immer sowohl gegen den Staat, aber auch gegen die Kirche. Aus der Kirche kann man allerdings austreten. Da wird der Protest sichtbar, und man spart auch noch Kirchensteuer. Aber stellt Euch, meine Br., einmal vor, man könnte auch aus dem Staat austreten mit ähnlich angenehmen finanziellen Konsequenzen. Ich glaube, es erginge dem Staat nicht viel besser, und es wären wahrscheinlich dieselben Leute,die sich verabschieden würden.

Wenn wir bedenken, daß wir seit nunmehr 40 Jahren in der bestfunktionierenden Demokratie leben, die wir je in Deutschland hatten, daß wir nie wohlhabender und nie so sehr abgesichert waren wie heute, sollte der militante Überdruß einer aktiven Minderheit und -mehr noch- die latente Unzufriedenheit in breiten Kreisen der Bevölkerung, einen neutralen Beobachter eigentlich in Staunen versetzen. Diese Unsicherheit ist in Wirklichkeit ein Signal. Sie zeigt an, daß selbst eine pluralistische Demokratie niemals gesichert ist. Selbst wenn sie gut gehandhabt wird, gibt es keine automatische allgemeine Garantie dafür, daß sie bleibende und allgemeine - vielleicht wäre es besser zu sagen: gemeinsame- Anerkennung findet. Nicht nur wirtschaftliche Krisen können das ganze Gebäude ins Wanken bringen. Auch geistige und ideologische Prozesse können ihre Fundamente aushöhlen. Mit Blick auf solche Sachverhalte wird deutlich, daß der heutige freiheitliche und säkularisierte Staat zu seiner eigenen Fundierung und Erhaltung auf andere Mächte und Kräfte angewiesen ist. Er lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Mit anderen Worten: Es gibt unverzichtbare Voraussetzungen für die pluralistische Demokratie, die aus dem politischen Bereich selbst nicht erstellt und durch die bestehende Verfassung nicht garantiert werden können. Dieses Fundament, auf dem positives Recht erst aufbauen kann, ist aber Grundkonsens über Werte, die dem Menschen vorgegeben sind, nicht zur Disposition stehen, und über eine Verpflichtung auf diese Werte im nicht jederzeit abänderbarem Recht, im Naturrecht, ja schließlich in der Schöpfungsordnung selbst verankert sind.

Die Präambel unseres Grundgesetzes beginnt mit den Worten: Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen - . In der Tat: Unser Schöpfungs- und Weltverständnis, unser Menschenbild und unsere Wertauffassungen sind in so entscheidender Weise vom Christentum geprägt worden, daß eine Verständigung über zentrale Verfassungs- und Rechtsprinzipien und Elemente, unserer gesellschaftlichen Struktur mit einbezogen werden. Das läßt sich geschichtlich eindeutig nachweisen, wenn mir hier natürlich auch nicht die Zeit für einen solchen Exkurs gegeben ist. Die abendländische Ethik, auf der wir bauen, ist christliche Ethik. Man kann darüber hinaus wohl sogar sagen, daß alle Kulturen der Menschheitsgeschichte das Fundament ihrer geistlichen Kraft und ihrer inneren Bindung in religiösen Vorstellungen fanden oder z. B. im freimaurerischen Wirken früherer amerikanischer Präsidenten, die dieses Wirken in der Transzendenz verankerten. - Atheismus hat bisher noch nie und nirgendwo vermocht, einen geistigen, sittlichen und gesellschaftlichen Grundkonsens entstehen zu lassen.

Nun wäre es aber gar nicht mehr so sicher, daß ein Parlamentarischer Rat, der heute eine Verfassung fur die Bundesrepublik Deutschland zu entwerfen hätte, das Grundgesetz noch expressis verbis in Gott verankern würde. Damit komme ich zu einem Fragezeichen in der Frage der "Rolle von Kirche + Freimaurerei bzw Logen schlechthin in der modernen Gesellschaft" und zu dem Phänomen, das wir gemeinhin als Freimaurertum und Kirche in einer säkularisierten Welt bezeichnen. Hinter diesen beiden Schlagwörtern stehen ja weit verbreitete Gefühle in und außerhalb beider Institutionen, nachdem die Kirche an sich ein Fremdkörper und die Freimaurerei suspect geworden ist, wenngleich auch oft durch Unwissenheit im letzteren Falle, so doch für diese Gesellschaft. Beides sind Relikte aus vergangenen Zeiten oder allenfalls noch Serviceunternehmen fur die Erfüllung bestimmter sentimentaler Bedürfnisse des Menschen. Diese Sicht ist das Ergebnis eines langen Prozesses, eines Prozesses, den man als "Emanzipation" bezeichnet und der sich auf verschiedenen Ebenen abgespielt hat. Es ist ein Prozess, der in einem immer größeren Autonomiestreben des Menschen zum Ausdruck kam. Der Befreiung aus feudalen Strukturen folgte der zunehmende Wunsch, sich aus geistig-ethischen Bindungen zu lösen.

Diese Abkehr, die sich zuerst im Breich der Philosophie vollzog, ging in der Folge mit einer rasanten Entwicklung der Naturwissenschaften und der demokratisch-freiheitlichen Bewegung Hand in Hand. Die Erkenntnis und zunehmende Verfügungsgewalt über Natur und Kosmos sowie die Fähigkeit zur Selbstbestimmung haben jene Gesellschaft hervorgebracht, die man als säkularisiert bezeichnet - säkularisiert deshalb, weil sie zur Erklärung der Welt nichts anderes benötigt als eben die Welt, die Wissenschaft, die Technik.

Ich habe diesen geschichtlichen Prozeß deshalb sehr kurz und summarisch skizziert, weil es uns heute vor allem darauf ankommt, uns über seine Folgen klarzuwerden.

Wie andere Langzeitprozesse - etwa die industrielle Revolution - geht auch der Prozeß der Säkularisierung in ein immer rasanteres Tempo über, je näher wir der Gegenwart kommen. Auch das hat er mit anderen Entwicklungen dieser Art gemeinsam. Seine eigentlichen Folgen werden nicht allmählich sichtbar, sondern erst, wenn ein kritischer Punkt erreicht oder überschritten ist, an dem der Kurs kaum noch korrigierbar und die plötzlich erscheinenden Schäden kaum noch reparabel sind.

Welches sind nun die heute erkennbaren Folgen der Säkularisierung ? Wo der Bezug zur Transzendenz verloren geht, wo - bildlich gesprochen - der Himmel geschlossen wird, wird es auf der Erde sehr eng, zumal für Menschen, welche die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht vergessen können. Wo der Weg durch die Religion zum ?großen Baumeister aller Welten" (G. B.a.W.) blockiert ist, suchen die Menschen immer wieder Auswege. Das zeigt uns die reine geschichtliche Erfahrung. Ein erster Ausweg ist nun der, daß sich politische Systeme als Ersatzreligion anbieten. Denken wir an die feierlichen Rituale des Dritten Reiches, an die Jugendweihe in kommunistischen Ländern!

Ich möchte hier aber einmal auf einen Punkt hinweisen, der nur allzuoft übersehen wird. Während man ja gern und oft Jahrhunderte zurückgreift, um z.B. der Kirche aus heutiger Sicht Fehlverhalten in der Vergangenheit anzukreiden - wer denkt da nicht an Galileo Galilei, erst vor wenigen Wochen vom Papst rehabilitiert - übersieht man die furchtbare Tatsache, daß im Namen von Ersatzreligionen allein in den letzten 80 Jahren mindestens 70 bis 80 Millionen Menschen grausam ermordert wurden - angefangen von den Verfolgungen in Mexiko, über die Sowjetunion der 20er, 30er und 40er Jahre, den nationalsozialistischen Holocaust, das Rotchina der 50er Jahre mit ungezählten Millionen von Opfern bis in die Mitte der 70er Jahre hinein. Es ist doch wohl kaum zehn Jahre her, daß das kommunistische Pol-Pot-Regime in Kambodscha wütete und in wenigen Jahren im Namen dieser neuen Gesellschaft über ein Drittel des gesamten Volkes ausrottete. Diese gewaltigen Menschenopfer in einem Jahrhundert, in dem das Christentum Tausende und Abertausende von jungen Menschen begeistern und aussenden konnte, die in den Ländern der Dritten Welt ja nicht nur Kirchen, sondern auch unzählige Schulen und Krankenhäuser bauten und so die Basis fur die heutige Entwicklung legten. Wer spricht davon? Ich glaube, das wäre Anlaß, die Rolle der Kirche vor diesem Hintergrund doch etwas positiver zu beurteilen. Meine Br., die Freimaurerei, die Logen der Welt, die Weltbruderkette, sie stehen da weit hinten an.

Ein zweiter Ausweg aus dem Verlust der Transzendenz und aus der säkularisierten Langeweile ist die Flucht in Utopien. Dabei sind jene künstlichen Weltanschauungen aus der Retorte, wie man sie hin und wieder zu konstruieren unternommen hat, noch das Harmloseste, weil solche Gedankenexperimente ohne Bezug zur gewachsenen geschichtlichen Realität bleiben. Viel wichtiger und gefährlicher sind die weltverbesserischen Sozialutopien jener Schwärmer,die sich mit der Unvollkommenheit der westlichen Welt nicht abfinden können. Es wächst die Überzeugung, daß es irgendwo die endgültig gute Welt doch geben müsse. Es gelte, einfach nur die Strukturen zu ändern, um die neue und gerechte Gesellschaft zu erreichen.

Ein vom Ethos, das heißt von der Freiheit getragener Staat ist nie fertig, nie ganz gerecht, nie gesichert. Er ist unvollkommen wie der Mensch selbst. An dieser Unvollkommenheit arbeiten wir Freimaurer. Wir versuchen somit durch unsere eigene persönliche Wandlung auf den Staat einzuwirken! Freiheit und Gerechtigkeit müssen sozusagen durch die Strukturen geliefert werden. Das Ethos wird überhaupt vom Menschen auf die Strukturen verlagert. Gerechte Strukturen muß man erarbeiten bzw. daran bauen, wie am großen Tempel. Dann können sie Realität werden.

Dagegen beweist die Erfahrung mit unzähligen Revolutionen und Strukturreformen in aller Welt, daß sich durch die Änderung der Etiketten praktisch gar nichts verändert, wenn sich die Menschen nicht verändern. Hier könnte man in Anlehnung an Wilhelm Busch sagen:

" Der Ort ist gut, die Fahne neu,
der alte Lump ist auch dabei. "

Erst Menschen mit einem neuen Ethos können in Sachen Gerechtigkeit und Frieden etwas zum Besseren wenden, aber selbst das nie endgültig und unverlierbar.

Eine der ganz großen Utopien, der die Menschheit im letzten Jahrhundert verfallen ist und die sich erst in unseren Tagen überhaupt als eine solche erweist, ist der säkularisierte Fortschrittsglaube. ?Säkularisierter Fortschrittsglaube" beinhaltet Doppeltes, zwei Zielrichtungen: Die weit ausgreifende Expansion in den Naturwissenschaften und der Technologie bei gleichzeitigem, als Befreiung empfundenem Abbau der alten ethischen Maßstäbe und moralischen Gesetze. So können wir in den von uns gelebten Jahrzehnten enorme wissenschaftliche Fortschritte und technische Errungenschaften einerseits und eine verkümmerte Ethos- bzw verstümmelte Gewissensbildung andererseits konstatieren. Daß aber ein sittliches Defizit nicht belanglos oder etwa nur für den Astheten bedeutsam ist, sondern daß ein solcher Ausfall in der Ethosbildung die Früchte des ganzen wissenschaftlich-technischen Fortschritts überhaupt zunichte machen kann, möchte ich Euch an einem ganz praktischen Beispiel aufzeigen:

Vor 25 Jahren dauerte ein Flug von Hamburg nach London an sich länger als heute. Wir haben heute schnellere Maschinen, ferngesteuerte Landehilfen, Reservierungscomputer, elektronisch gesteuerte Gepäckbeförderung; die Sache ist also enorm modernisiert. Trotzdem dauert die Flugreise von Hamburg nach London heute länger als vor 25 Jahren, weil nämlich der Konsens darüber verloren gegangen ist, daß der Flugverkehr für äußere Eingriffe tabu ist, daß man Flugzeuge nicht entführt oder in die Luft sprengt und Passagier nicht als Geiseln nimmt. Dieser eine Konsensverlust kostet allein Milliarden von Stunden, verlorene Stunden für Passagiere und Crews, und Unsummen für Sicherheitsvorkehrungen aller Art.

Ein zweites Beispiel: Denken wir an die Bedrohung von Pflanzen und Tieren sowie Menschen durch die Manipulation einer kommerziellen Gentechnologie. Ich habe manchmal das Gefühl, die wird verfolgt nach dem Motto texanischer Cowboys: "Shoot first, questions later".

Der Aufbruch in das gelobte Zeitalter von Freiheit und Fortschritt hatte eine bedeutende Stimme in der zweiten Hälfte vorigen Jahrhunderts. Die großen Erfindungen waren gemacht und Victor Hugo schrieb: "Das 19.Jahrhundert ist groß, aber das 20. Jahrhundert wird glücklich sein. Nichts wird dann unserer alten Zeit noch gleichen. Es wird keine Angst mehr geben, keine bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Völkern, keine Eroberungskriege, keine Invasionen, keine Überfälle."

Und Yugoslawien?? Es wird keine Angst mehr geben!? Heute nach 100 Jahren!? Unsere Gesellschaft treibt doch geradezu in eine Inflation von Ängsten: Angst vor Krieg, Angst vor Wirtschaftskrise, vor der Arbeitslosigkeit, Angst vor Krankheit, vor Verlust des Partners, Angst vor dem Alter, vor Vereinsamung, Angst vor dem Tod und vor dem, was nach dem Tod kommt, ja, man möchte sagen, Angst vor dem Leben heute. Vor 100 Jahren sagte Bismarck: "Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt". Was für einen Weg haben wir zurückgelegt. Eine 180-Grad-Kehre ist es geworden! Heute fürchten wir nicht mehr Gott, dafür aber sonst so ziemlich alles auf der Welt.

Ich glaube, wir stehen am Ende des sogenannten modernen Bewußtseins, das meinte, alles sei machbar: Wissenschaft und Technik hatten anscheinend die Zauberformel gefunden, mit der wir Menschen die Zukunft der Welt gewinnen können. Das war ein Trugschluß. Wir stehen auch am Ende des wertfreien Fortschritts, weil er in ein moralisches Niemandsland führt. Bei allen heutigen Mißständen - wo ist denn noch jemand, der Verantwortung übernimmt. Wieviele Ausschüsse muß man für die Suche einsetzen. Ob diese dann einen finden, ist auch noch fraglich.

Ja, wir stehen wohl am Ende des wertfreien Fortschritts, weil ein weiterer wertfreier Fortschritt den kollektiven Selbstmord heraufbeschwören könnte. Hierzu eine letzte Anmerkung:

Die Atomenergie stellt an die Menschen in letzter Konsequenz moralische Anforderungen, denen die Menschen nicht gewachsen sind, und deshalb müssen wir aussteigen.

Kapitulation also? Ja, wenn wir aus allem aussteigen, dem wir moralisch heute nicht gewachsen sind, muß die Gentechnologie morgen früh aufhören. Was noch alles? Ist nicht der andere Weg der richtige, der Aufbau eines neuen Ethos? Ich sagte, wir stehen am Ende einer Entwicklung, so soll das alles andere als Resignation sein, denn wer am Ende steht, steht immer an einem Anfang. Man könnte sagen, wer am Ende einer Fehlentwicklung steht, steht auch an der Wende zu einem hoffnungsvollen Aufbruch. Hier schließt sich der Kreis wieder.



* * *