Was ist Aufklärung?

verfasst von Sebastian A. S. Grell
aufgelegt zum 8ten April anno 2016
in der Loge Am Rauhen Stein i.O. Hamburg 888

Ehrwürdiger Meister, geliebte Brüder alle, meine Zeichnung.

Auftakt

Heute möchte ich mich mit der intellektuellen Bewegung der Aufklärung beschäftigen und euch näherbringen, warum ich sie besonders als Freimaurer schätze. Im englischen Sprachraum heißt sie Enlightenment und die Franzosen nennen sie Les Lumières – über die Sprachgrenzen hinweg scheint dieser intellektuellen Bewegung eine Lichtmetapher zugrunde zu liegen, die ein Versprechen zu verkörpern scheint, uns von der Dunkelheit in’s Helle – oder eben: das Licht – zu führen. Dies ist ein Motiv, das uns aus vielen Zusammenhängen bekannt ist und für das Finden von Wahrheit oder den Weg steht, auf dem wir nach Erkenntnis streben. Warum die Aufklärer ein solches Motiv gewählt haben, kann ich euch in den kommenden Minuten hoffentlich nahebringen, erhellen – kurzum: euch aufklären.

Aufklärung und was es ist: Immanuel Kant gab 1784 in seinem weltbekannten Aufsatz mit dem Titel Was ist Aufklärung? folgende Antwort, die sich nicht minderer Bekanntheit erfreut als der Aufsatz selber. »Aufklärung ist Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.« (Lassen wir diesen Satz für einen Moment einsickern.) [kurze Pause]

Auf den ersten Blick haben wir es allem Anschein nach mit einer beschreibenden Definition zu tun. Bemerkenswert ist jedoch die euphorische Weise, im Zuge welcher dieser Begriff im Aufsatz in ein positives Licht gerückt wird. Ein genauerer Blick auf den Kontext legt nahe, dass der soeben definierte Begriff ein Ziel sein soll, welches zu erstreben, es sich lohnt.

»Aufklärung ist Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.« In dieser Aussage wird ‚Aufklärung‘ durch drei Charakteristika genauer bestimmt. Erstens wird eine Veränderung heraufbeschworen – der Ausgang. Zweitens wird Antwort auf die Frage woraus? gegeben: aus der Unmündigkeit. Drittens wird diese Unmündigkeit genauer charakterisiert – sie ist selbstverschuldet.

»Aufklärung ist Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.« Verstehen wir Aufklärung als etwas Euphorisches, dass es anzustreben lohnt, so lässt sich Unmündigkeit als Problem begreifen, dessen Lösung im Sinne des Ausgangs darin besteht, nicht oder nicht mehr unmündig zu sein. Die Hinsicht des Problematischen – das Selbstverschuldet-sein – bietet uns zugleich eine Lösungsperspektive: Sofern wir nicht bloß einmal etwas selbstverschuldet haben und es nun nicht mehr ändern können, sondern öfters an etwas Schuld tragen – hier, dass wir uns in einem Zustand der Unmündigkeit wiederfinden –, so scheint es, dass es dann in unseren Händen liegt, ob wir uns in diesen Zustand der selbstverschuldeten Unmündigkeit auch in Zukunft begeben werden oder eben nicht.

Die Frage danach, was Aufklärung eigentlich ist, führt uns schnell von einer Definition zu einem praktischen Projekt, bei dem es darum geht, unsere Einstellung derart zu ändern, dass wir durch unser Handeln in Zukunft nicht oder nicht mehr in einen Zustand der Unmündigkeit geraten. Auch wenn Immanuel Kant im 18ten Jahrhundert das Wort Einstellung nicht benutzte, so fährt er in seinem Aufsatz zur Aufklärung fort: »Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, […]« Gründe, warum wir einem Zustand der Unmündigkeit entfliehen sollten, und Aussicht, wie wird dies bewerkstelligen könnten, werden im Kommenden unser Thema sein. Auch was Unmündigkeit ist, wird noch zu klären sein.

Das Hauptstück

An dieser Stelle tun sich zwei Fragen auf. Erstens: was für eine Einstellung oder Einstellungen verhelfen uns, den Zustand der Unmündigkeit zu verlassen? Zweitens – und für uns wichtig zu klären, bevor wir uns mit Interesse der ersten Frage zuwenden können: Warum sollten wir Zustände der Unmündigkeit meiden und verlassen wollen?

Unmündigkeit wird von Immanuel Kant in seinem Aufsatz wie folgt gefasst. »Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.« Doch worin besteht das Problem, wenn wir uns von anderen führen lassen? Befragen wir nicht auch Experten und holen uns ihren Rat ein, wenn wir nicht weiterwissen? Sicherlich ist es nicht verkehrt, anderen Glauben zu schenken. Wann ihr das jedoch tut und wem ihr glauben wollt, liegt allein bei euch; und mehr noch: niemand vermag, euch diese Bürde abzunehmen. Ob ihr es euch wünscht oder nicht: zwar können andere Urteile fällen; jedoch seid nur ihr selbst es, die ihr die Entscheidung fällen könnt, welcher dieser Urteile ihr euch anschließen werdet. Dies kann sowohl das betreffen, was wir glauben, als auch das, was wir zu tun gedenken.

Warum sollten wir uns überhaupt entscheiden, Urteile zu fällen? Wieso lassen wir uns nicht einfach von anderen treiben, indem wir das glauben, wovon sie uns sagen, dass wir es glauben sollen, und indem wir das tun, wovon sie uns sagen, dass wir es tun sollen? (Stellt euch bitte einmal vor, wie es wäre, wenn wir uns auf diese Art treiben ließen, und was für ein Unbehagen wir dabei fühlten, wenn wir uns in dieser Situation befänden.) [kurze Pause] Ich glaube, ein Teil des Unbehagens in einem jedem von uns ließe sich durch ‚Ich möchte aber nicht tun, wovon du mir sagst, dass ich es tun soll‘ einfangen. Es scheint uns allen also vor Unfreiheit zu grauen; es scheint uns allen nach Freiheit zu dürsten. Dies scheint eine Art der Freiheit zu sein, bei der andere mich nicht zwingen, das zu tun, was ich nicht tun möchte. Ich werde diese Art der Freiheit äußere Freiheit nennen, da sie unsere Umgebung betrifft. Dies ist die Art der Freiheit, die oftmals in politischen Debatten Erwähnung findet.

Um von dieser Freiheit letzten Endes profitieren zu können, benötigen wir noch eine andere Freiheit. Um handeln zu können, müssen Mittel gewählt werden. Damit wir generell das erreichen, was wir mit unseren Handlungen zu erreichen versuchen, damit wir nicht Ergebnissen gegenüberstehen stehen, die ebenso unerwünscht sind wie die, mit denen wir konfrontiert sein können, wenn andere uns zwingen, etwas zu tun, was wir nicht tun möchten, ist eine Freiheit von Nöten, die ich innere Freiheit nennen möchte. Um das zu erreichen, was wir erreichen wollen, müssen wir die Effektivität der Mittel richtig einschätzen. Das heißt nichts Anderes, als dass unser Überzeugt-sein, dass der Spitzhammer eine Ecke vom Stein abschlagen wird, wenn ich ihn so-und-so führe, wahr sein muss, damit ich Erfolg darin habe, meinen Stein auf die Weise zu behauen, auf die ich ihn behauen möchte. Auf diese Art führt innere Freiheit dazu, dass wir Mittel für unsere Handlungen adäquat auswählen, indem wir die Welt richtig einschätzen und an das glauben, was wahr ist.

Mündigkeit ist eine unabdingbare Voraussetzung dafür, dass wir uns mit unseren Überzeugungen der Wahrheit nähern können, um innere Freiheit zu erlangen. (Die Voraussetzung ist zumindest dann unabdingbar, wenn wir nicht mit dem Zufall rechnen, dass wir auch dann mit unseren Überzeugungen die Wahrheit treffen, wenn wir uns beim Urteil-Fällen bloß treiben lassen.) Nur wenn wir uns unseres Verstandes bedienen und versuchen, unsere Überzeugungen so zu wählen, dass sie wohl wahr sind; nur dann ist davon auszugehen, dass wir an das glauben werden, was wahr ist.

Doch: wie treffen wir unsere Entscheidungen, so oder so zu urteilen, in dieser Hinsicht richtig? Die Vielheit an Vorschlägen, die man hier anführen könnte, ist unüberschaubar und uferlos. Daher möchte ich mich um meiner Begrenzung Willen und um Willen der begrenzten Zeit, die ihr heute mitgebracht habt, auf drei Vorschläge beschränken, denen meines Erachtens zentrale Bedeutung zukommt. Um eines besseren Zuganges Willen bitte ich euch, euch im Folgenden die drei angesprochenen Aspekte als die Eckpunkte eines imaginierten Dreiecks vorzustellen, dessen Kanten beidseitige Verbindungspfeile darstellen. Diese Verbindungspfeile sollen die wechselseitige Befruchtung und Abhängigkeit der Aspekte repräsentieren.

Bei den drei Aspekten handelt es sich um geistige Offenheit; es handelt sich um die Haltung der Toleranz; und es handelt sich um Befreiung von Vorurteilen. Geistige Offenheit bezeichnet unsere Bereitschaft, neue Sichtweisen an- und einzunehmen, über unseren eigenen Tellerrand zu blicken und eine Haltung einzunehmen, die geneigt ist, uns mit neuen Ideen und Anschauungen zu versorgen.

Eng damit verbunden ist eine tolerante Haltung, ohne die geistige Offenheit behindert wird und mit der geistige Offenheit erst fruchten kann. Die Haltung der Toleranz besteht darin, die Bereitschaft mitzubringen, fremde Überzeugungen gelten und gewähren zu lassen. Dies ist eine Haltung geistiger Bescheidenheit, die anerkennt, dass das eigene Urteil alleine dadurch, dass es das meinige ist und nicht das eines anderen – ggf. das deinige –, noch nicht als vorziehenswert gelten kann. Eine solche geistige Toleranz fordert, die Irrtumsanfälligkeit und Unsicherheit eigener Urteile einzugestehen. Eng verwandt mit der geistigen Toleranz ist die praktische Toleranz. Als solche können wir die Prüfung unserer selbst hinsichtlich der Bereitschaft, andere dort gewähren zu lassen, wo uns etwas Gegenteiliges nicht wichtig ist, verstehen.

Nach der bisherigen Diskussion dürfte es nicht schwierig sein, die Befreiung von Vorurteilen in das Geflecht einzuordnen: während geistige Offenheit und eine tolerante Haltung naheliegender Weise zu einem Abbau von Vorurteilen führt, ist es schwierig, sich vorzustellen, wie geistige Offenheit fruchten sollte, wenn die eigenen Meinungen vorgefertigt sind, und ebenso wie wir Toleranz üben könnten, wenn wir nicht bereit wären, von unseren vorgefertigten Meinungen abzurücken.

Es bleibt, zu klären, wie all dies uns beim Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit behilflich sein kann. Dieses sich gegenseitig befruchtende Geflecht aus den drei Aspekten geistige Offenheit, tolerante Haltung und der Befreiung von unseren Vorurteilen ermöglicht es uns, sowohl Kritik konstruktiv und wohlüberlegt äußern zu können, als auch selbige annehmen zu können – denn alle drei angesprochenen Aspekte betreffen die Bereitschaft, andere Geisteshaltungen, Sichtweisen und Überzeugungen in Betracht zu ziehen. Nur wer dazu fähig ist, kann Überlegungen anstellen, ohne dabei auf geistige Autoritäten zurückgreifen zu müssen, deren Überzeugungen bei fehlender Kritikbereitschaft nicht reflektiert, sondern bloß wiedergekäut werden können. »Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.« Nur mit einer durch die drei angesprochenen Aspekte bereicherten Kritikbereitschaft können wir uns des Joches entledigen und dem Unvermögen entfliehen.

Nicht nur unsere Einstellung zum Umgang mit unseren theoretischen Überzeugungen, die uns bei wohlbedachter Handhabe innere Freiheit bringen kann, sondern auch unsere Einstellung zum praktischen Handeln, die uns bei ebenso wohlbedachter Handhabe äußere Freiheit bringen kann, findet fruchtbaren Boden in unserer Trias angesprochener Aspekte.

Auch wenn es uns verwehrt bleiben wird, einfache Patentlösungen angeben zu können, so lassen sich auch in Hinblick auf äußere Freiheit hilfreiche Mittel diskutieren. Eines davon werde ich genauer betrachten. Sofern wir uns nicht in der Situation befinden, dass andere vor uns auf die Knie fallen und uns bereitwillig als Alleinherrscher akzeptieren, gilt sicherlich: um die Freiheit von anderen zugestanden zu bekommen, das tun zu dürfen, was wir tun wollen, scheint es ein vielversprechender erster Schritt zu sein, anderen im Gegenzug zuzugestehen, dass tun zu dürfen, was ihnen wichtig ist, von dem aber gilt, dass es uns nicht massiv stört. Auch wenn eine solche Einstellung, nicht schon für sich genommen dafür Sorge tragen wird, dass ich ein höheres Maß an äußerer Freiheit beim Handeln von anderen zugestanden bekommen werde, so ist diese gewisse Laissez-faire-Einstellung zumindest eine Voraussetzung dafür, in einer Gemeinschaft auf-Augenhöhe ein großes Maß an äußerer Freiheit für sich in Anspruch nehmen zu können, um viel von dem verwirklichen zu können, was uns wichtig ist.

Ein Rückblick

Schließen wir.

Bei der Bewegung der Aufklärung handelte und handelt es sich vornehmlich um den Aufruf, mittels gewisser Einstellungen sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Das heißt genauer, Mittel auf ihre Geeignetheit hin zu untersuchen, uns aus unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien. Dies hat herausragende Bedeutung für uns, insofern ein Ausgang aus Unmündigkeit uns erlaubt, dasjenige im Leben zu verfolgen, was uns wichtig ist. Hieran können wir sowohl durch falsche Überzeugungen, die wir haben, gehindert werden als auch durch das Agieren anderer, das unsere Vorhaben vereitelt.

Parallelen zu den alten Pflichten im Besonderen und zu unserem Selbstverständnis als Freimaurer im Allgemeinen werden euch hoffentlich aufgefallen sein, auch ohne dass ich es mir an dieser Stelle zur Aufgabe gemacht habe, die obige Diskussion dahingehend fortzuführen, solche Parallelen explizit zu benennen.

Ehrwürdiger Meister, meine lieben Brüder, meine Zeichnung endet hier.