H.-G. G.

Väterlichkeit

Es ist bekannt, daß unsere Gesellschaft einen unerschöpflichen Nachschub an Jungen produziert aber immer weniger Männer hervorbringt. Der amerikanische Professor Lewis Yablonski sagt: "Die nächste große Revolution wird der Kampf für die Rechte des Mannes sein." Unsere Gesellschaft muß den Mangel an Männlichkeit teuer bezahlen. Die fehlende Männlichkeit drückt sich aus in Kriminalität und Autoagression, in Form von Rauschbedürfnis und psychosomatischen Erkrankungen, wobei die Autoagression deutlich höher ist als die Kriminalität.

An der niederländischen Universität Leiden wird vom nächsten Sommersemester an ein neues Studienfach, Männerkunde, eingeführt. Mit dem aufkommenden Christentum ging das Wissen über die Initiation der Männlichkeit verloren. Robert Bly beschreibt in seinem Buch "Eisenhans" das ca. 14ooo Jahre alte Initiationsritual des Mannes. In vielen sogenannten primitiven Kulturen ist bis heute ein männliches Initiationsritual vorhanden. Der entscheidende Satz, der in Neuguinea von den Männern und Frauen der etwa achzig Stämme akzeptiert wird, lautet: "Ein Junge kann ohne das aktive Eingreifen älterer Männer nicht zum Mann werden".

Weltweit gab es vor über 2ooo Jahren ein recht identisches Initiationsritual für den Knaben. Das Wesentliche der frühen Initiation war:

  1. Bindung an die Mutter und Trennung von der Mutter.
  2. Bindung an den Vater und Trennung von dem Vater.
  3. Ankunft eines Mentors, der einem Mann hilft, einen Zugang zu seiner eigenen Größe oder Essenz zu finden.

König Artus ist ein Beispiel für einen solchen Mentor. C.G. Jung sagt dazu: "Wenn der Sohn seine eigenen Gefühle primär über die Mutter erfährt, wird er die weibliche Haltung zur Männlichkeit einnehmen und eine weibliche Sicht seines Vaters und seiner eigenen Männlichkeit entwickeln. Er wird seinen Vater mit den Augen der Mutter sehen."

Alexander Mitscherlich schrieb 1963 "Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft, Ideen zur Sozialpsychologie". Am nachhaltigsten wurde die Liebesbeziehung zwischen dem Vater und dem Sohn durch die industrielle Revolution geschädigt. Davor arbeitete der Vater im Haus. Der Sohn konnte ihn dabei beobachten,mit ihm kommunizieren und schon früh spielerisch im Nachvollziehen seiner Tätigkeit sich mit dem Vater, der Männlichkeit, identifizieren. So sehen alle Fachleute die industrielle Revolution als größte Ursache für die Suchtproblematik des Mannes.

Sobald die Büroarbeit und das Informationszeitalter dominieren, löst sich das Vater-Sohn-Band auf. Wenn der Vater nur abends ein oder zwei Stunden im Hause ist, dann sind die weiblichen Werte die einzigen im Haus. Man könnte fast sagen, daß der Vater heutzutage seinen Sohn fünf Minuten nach der Geburt verliert. In den USA beschäftigen sich Väter im Schnitt ganze 37 Sekunden täglich mit ihren Kindern. 30% der amerikanischen Kinder wachsen ohne Vater auf. Wenn sich bei uns Eltern trennen,verliert jedes zweite Kind den Kontakt zum Vater ganz. Das betrifft in Deutschland zur Zeit etwa eine Million Kinder.

Jungen bis zum 10. Lebensjahr brauchen mehr Zärtlichkeit und Hautkontakte als Mädchen. Väter geben aber weniger als Mütter, und Mütter sprechen unbewußt mit den Töchtern mehr als mit ihren Söhnen. Der Vater muß also mit dem jungen Knaben mehr schmusen, denn der Knabe will die Zärtlichkeit im wesentlichen auch vom Vater.

Erik Erikson beschreibt den deutschen Vater der dreißiger und vierziger Jahre (Zitat Yablonski, Seite 89): "Wenn der Vater nach Hause kommt, scheinen sich selbst die Wände 'zusammenzunehmen'. Die Mutter, obwohl sie häufig der inoffizielle Herr im Hause ist, benimmt sich jetzt schon anders, daß selbst ein kleines Kind es fühlen muß. Sie beeilt sich, die Wünsche und Launen des Vaters zu erfüllen, und vermeidet alles, was ihn ärgern könnte. Die Kinder halten den Atem an, denn der Vater duldet keinen "Unsinn" - d.h. nichts von den weiblichen Stimmungen der Mutter, von der spielerischen Art der KInder. So lange er zu Hause ist, hat die Mutter zu seiner Verfügung zu stehen; sein Verhalten drückt aus, daß er die Einheit von Mutter und Kindern mißbilligt, die sie in seiner Abwesenheit genossen haben. Oft spricht er zur Mutter, wie er zu den Kindern spricht, d.h., er erwartet Gehorsam und schneidet jede Antwort ab. Der kleine Junge bekommt das Gefühl, daß all die erfreulichen Bindungen an seine Mutter ein Dorn im Auge des Vaters sind... Die Mutter fördert diese Gefühle, indem sie manchen "Unsinn", manche Ungezogenheit des Kindes vor dem Vater verbirgt - wenn und wann es ihr beliebt. Ihre Mißbilligung hingegen drückt sie dadurch aus, daß sie das Kind an den Vater verrät, wenn er nach Hause kommt, und oft den Vater veranlaßt, periodische körperliche Züchtigungen für Untaten durchzuführen, deren Einzelheiten ihn nicht interessieren."

Durch all diese Umstände läßt sich erklären, weshalb Deutschland zeitweise Europameister im Alkohol- und Tablettenkonsum ist, aber auch der Drogenkonsum postuliert sich zum großen Teil hieraus.

Was müssen wir ändern?

Wir müssen den positiven Vater wieder entdecken. Damit der Sohn sich mit der Rolle des Vaters identifizieren kann, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein:

  1. Der Sohn muß seinen Vater wirklich gernhaben.
  2. Der Vater muß seine Botschaft aus einer Position des beruflichen, persönlichen und psychischen Erfolges aus verkünden.
  3. Andere wichtige Personen (vor allem die Mütter) müssen ihn ermutigen, seinen Vater als Vorbild zu akzeptieren.
  4. Lehrer, Trainer, Opa, Onkel und andere Männer müssen sich des positiven männlichen Vorbilds bewußt sein und als Mentoren fungieren. Der Fehler der modernen Kleinfamilie liegt nicht so sehr in dem Umstand, daß sie neurotisch und voller ungeklärter Konflikte ist. Ihr Fehler ist, daß die alten Männer außerhalb der Kernfamilie dem Sohn keinen wirksamen Ausweg mehr anbieten, wie er die Verbindung zu seinen Eltern unterbrechen kann, ohne sich selbst zu schaden.

Wenn also die Männer als Väter und Mentoren den Knaben wiederentdecken, ist weitgehend das männliche Kriminalitätsproblem oder auch das Suchtproblem gelöst. Zum Abschluß könnte man sich fragen, was der Weltgeschichte erspart worden wäre, wenn Adolf Hitler sowohl einen Vater und als auch einen Mentor gehabt hätte.

Literaturverzeichnis:

  1. C. G. Jung - vgl. Edward Edinger, "Anatomy of the Psyche", a. a. 0.
  2. Alexander Mitscherlich, "Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft, Ideen zur Sozialpsychologie"
  3. Robert Bly, "Eisenhans, ein Buch über Männer"
  4. Peter Struck, "Zuschlagen, zerstören, selbstzerstören. Wege aus der Spirale der Gewalt"
  5. Lewis Yablonsky, "Du bist ich. Die unendliche Vater - Sohn-Beziehung"