H. H.

Anmerkungen zum freimaurerischen Tempelbau



Wir Freimaurer bauen als freie Männer den Tempel der Humanität. Die Steine, derer wir dazu bedürfen, sind die Menschen.Im Freimaurerlexikon kann man dazu lesen: "Der Gedankengang des Tempelbaues wird erst faßlich, wenn Tempelbau und Menschheit einander gleichgesetzt werden ...". In dem Bausymbol des Tempels liegt das Bekenntnis des Freimaurers zur evolutionären Menschheitsentwicklung und zu einem Optimismus, der an diese glaubt. Zugleich vereinigt das Gesamtbild der Symbolik in ihrer auf die Ichkultur und die moralische Gesamtwirkung bezogene Eindeutigkeit die sittlichen Forderungen, die vom Bunde an die einzelnen Freimaurer gestellt werden. In der freimaurerischen Bauarbeit ist der einzelne Subjekt als wirkender Baugenosse, er wird aber zugleich Objekt des planmäßigen Baues an einer höheren Entwicklungsstufe. Das Lehrbild wirkt in dem Doppelsinne, daß der Baubeflissene zugleich Material des Baues zu höherem Zwecke wird.

Nun haben ja die Freimaurer getreu dieser Forderung schon eine ganze Weile am Tempelbau gearbeitet, und man kann sich die Frage stellen, wie weit der Tempelbau bis jetzt schon fortgeschritten ist. Verzeiht mir die Blasphemie, wenn ich zur Überlegung in dieser Frage etwas ins Gegenständliche überwechsele. Man stelle sich dazu eine Baustelle vor, bei der ein Bauschild aufgestellt sein müßte mit folgender Beschriftung:

"Hier wird der Tempel der Menschheit gebaut.
Baubeginn: Anno Domini 1723
Bezugsfertig: offen, 1. Bauabschnitt
Ausführende: Lessing, Goethe, Mozart, Haydn, Knigge, vom Stein, Claudius und viele andere"

Nach diesem erfolgreichen Baubeginn wird die Baustelle durch verschiedene Anordnungen zeitweise stillgelegt bzw. behindert durch

1738 Verbot der Freimaurer in Venedig, Polen; der Hamburger Senat verbietet die Logentätigkeit
1739 Die Inquisition verfolgt die Freimaurer in Florenz
1743 Maria Theresia läßt die Wiener Loge durch Militär ausheben
1745 Freimaurerverbot in der Republik Bern
1751 Bulle des Papstes Benedikt XIV. gegen die Freimaurer
1810 Verfolgung der Freimaurer in Portugal; 30 Freimaurer werden verbannt
1814 Bulle des Papstes Pius VII. gegen die Freimaurer
1815 In Granada werden 5 Freimaurer gehängt
1819 In Madrid werden 2 Freimaurer hingerichtet
1825 In Granada werden 7 Freimaurer gehängt, weil sie bei einer Aufnahmearbeit überrascht wurden.
1829 In Barcelona wird der Meister vom Stuhl der Loge, Oberstleutnant Salvez, wegen seiner Zugehörigkeit zur Freimaurerei hingerichtet.


So geht es weiter auch mit immer neuen Angriffen der Päpste gegen die Freimaurer. Es gibt sogar 1896 einen internationalen Antifreimaurerkongreß in Trient und in Wien. Die Liste der Behinderungen und Verleumdungen der Freimaurer läßt sich noch bis in dieses Jahrhundert fortsetzen. 1929 beginnt der erfolglose General Ludendorf den sogenannten Vernichtungsfeldzug gegen die Freimaurer, Juden und Jesuiten, die er all in einen Topf schmeißt. Der Freimaurer Kurt Tucholsky veröffentlicht damals ein Gedicht als Antwort auf den Verschwörungstheoretiker Ludendorf, das wie folgt lautet:

"Hast Du Angst, Erich? Bist du bange Erich?
Klopft dein Herz, Erich? Läufst du weg?
Wolln die Maurer, Erich - und die Jesuiten, Erich
dich erdolchen, - welch ein Schreck!
Diese Juden werden immer rüder.
Alles Unheil ist das Werk der .'..'. Brüder.
Denn diese Jesuiten, Erich - und die Maurer, Erich -
und die Radfahrer - die sind schuld
an der Marne, Erich und am Dolchstoß, Erich -
ohne die gäbe es keinen Welttumult.
Jeden Freitag spielt ein Kapuziner
mit dem Papste Skat - dazu ein Feldrabbiner;
auf dem Tische liegt ein Grand mit Vieren -
dabei tun sie gegen Deutschland konspirieren ...
Hindenburg wird älter und auch müder ...
alles Unheil ist das Werk der .'..'. Brüder."

In Deutschland verbieten die Nationalsozialisten die Freimaurerei, ebenso ist es in anderen totalitären Staaten.

Nach dieser Abschweifung möchte ich mich jedoch wieder dem Tempelbau zuwenden und die Frage nach dem Bauzustand stellen. Wurde schon Richtfest gefeiert oder befindet sich der Bau noch im ersten Bauabschnitt? Die Zeichnung, die zu Beginn des Tempelbaues aufgelegt wurde, war klar und deutlich. Wie aber wie sieht es heute damit aus? "Die Zeiten ändern sich und wir ändern uns mit ihnen." Zweifellos haben sich in unserem Jahrhundert Veränderungen in so rasanter Folge abgespielt wie in keiner Epoche davor. Man denke nur an Entstehung und Niedergang von Kommunismus und Faschismus. Glasnost und Perestroika haben die Gefahr eines nuklearen Weltkrieges vielleicht gebannt, aber liegen in der wirtschaftlichen und technischen Entwicklung nicht andere Gefahren? Gerade die Technik hat die Welt total verändert; aber haben wir Menschen uns entsprechend dieser veränderten Umstände wirklich mitverändert? Unsere existentiellen Probleme waren und sind wohl immer noch dieselben. Hat Erich Kästner recht, wenn er dichtet:

"So haben sie mit dem Kopf und dem Mund den
Fortschritt der Menscheit geschaffen,
doch davon abgesehen und bei Lichte betrachtet,
sind sie im Grund noch immer die alten Affen"

Es heißt: Die Freimaurerei bschränkt sich darauf, ihren Anhängern Richtungen zu weisen und das Feld zu umgrenzen, auf dem sich die Weltanschauung des Einzelnen bilden und weiten kann. Wer aber kann die Richtung weisen? Erwin Laszlo schreibt in seinem Report "Wege zum globalen Überleben":

Es steht außer Frage, daß sich die menschlichen Gesellschaften, ebenso wie der Mensch an sich ein komplexes System darstellen, daß sich an veränderte Lebensbedingungen anpassen kann und sich so sein Überleben sichert. Hierbei muß jedoch gewährleistet sein, daß das Innen- und Außenleben aufeinander abgestimmt und ausgewogen sind. Natürlich braucht es eine gewisse konstante Sensibilität, um Veränderungen überhaupt wahrzunehmen. Sinkt beispielsweise die Außentemperatur, ziehen wir uns warme Kleidung an. Steigt die Temperatur, entledigen wir uns unserer Kleidung und sehnen uns nach einer kühlen Brise. Die gleiche Sensibilität läßt sich nicht nur bei physikalischen Schwankungen, sondern aiuch bei biologischen, ökölogischen, sozialen und sogar kulturellen Veränderungen beobachten.

Auch der soziale Organismus hat ein Gespür für Veränderungen seiner Umwelt. In dem Moment, wo sich die Lebensbedingungen einer Gesellschaft ändern und ihre Strukturen Belastungen ausgesetzt sind, entwickelt sich ein Drang, sich dieser Bedrohung zu stellen. Versagt die Gesellschaft und reagiert sie nicht bzw. zu spät, verlieren ihre Institutionen an Relevanz, und der soziale Organismus ist völlig gestresst. Er kann sich nicht mehr an die veränderten Bedingungen anpassen und ist somit krisenanfälliger.

Und genau in diesem Stadium befinden sich die meisten modernen Gesellschaften. Die Umwelt ist rapiden Veränderungen ausgesetzt, nicht nur im physikalischen, chemischen und ökologischen Umfeld, sondern auch vom sozialen und politischen Aspekt her. Es zeigt sich immer mehr, daß soziale Institutionen, aber auch Handlungsweisen, nicht mehr angemessen sind. Dies führt dazu, daß die meisten Gesellschaften Gefahr laufen, genauso unangepaßt wie seinerzeit die Dinosaurier zu sein. Dieser Vergleich ist nicht weit hergeholt, die Körper einiger dieser prähistorischen Reptilien waren mehrere Meter lang und das sowieso schon sehr träge Nervensystem wurde mit sinkenden Außentemperaturen noch langsamer. Die Nervenbahnen, die vom Schwanz und den Beinen zum weit entfernten Gehirn führten, haben vermutlich mehrere Sekunden gebraucht, um die empfangenen Signale weiterzuleiten. Die Übertragung von Signalen verlief auch dann so langsam, wenn lebensnotwendige Informationen weitergeleitet werden mußten. Für Dinosaurier war das im allgemeinen nicht fatal, da sie nur sehr wenige natürliche Feinde hatten. Die menschliche Umwelt dagegen birgt viele Gefahren, und wir brauchen unbedingt ein schnelles Informations- und Kommunikationssystem, damit wir unser Überleben sichern.

Wie man auch immer zu dieser etwas pessimistischen Formulierung stehen mag, wir leben im Zeitalter der Information. Die Schwierigkeit besteht wohl dabei in der informationellen Unzulänglichkeit des Menschen. Das Bewußtsein des Menschen ist der Komplexität der heutigen Welt nicht gewachsen. Der Mensch kann in begrenzter Zeit nur wenig Informationen aufnehmen, deshalb ist der Zeitbedarf zum Verständnis komplizierter Zusammenhänge oft größer als verfügbar. Häufig muß man vorzeitig handeln und entscheiden. Weiterhin ist die Kapazität unereres Gedächtnisses nicht ausreichend, um die Informationsmenge zu speichern, die erforderlich wäre, um unser Denken und Handeln zu bestimmen. Aber wir wollen reagieren, uns verhalten - woher also nehmen wir die hierfür notwendigen Orientierungen? Auf diese Frage gibt es nur eine einzige Antwort: Andere Menschen - teils früher lebende, teils gleichzeitig lebende - befanden sich schon in ähnlichen Situationen und waren hierbei ebenso gezwungen, sich irgendwie zu verhalten. An ihnen und ihrem Schicksal ist erkennbar, welche Verhaltensformen zu erwünschten und welche zu unerwünschten Folgen geführt haben - sei es nun aus der Sicht der Sozietät, sei es kurzfristig, sei es langfristig. So kann das einzelne Individuum auch mit seinem unzureichenden Bewußtsein Verhaltensformen in dieser komplexen Welt finden, die "gut" sind.

Die informationelle Unzulänglichkeit des Menschen kann offensichtlich durch fremde Erfahrung überwunden oder gemildert werden. Hinzu kommt auch noch ein ganz anderes - vielleicht emotionales Argument: Sollte in einer Zeit, in der ständig Mitbestimmung gefordert wird, nicht auch den früher Lebenden Mitbestimmungsrecht eingeräumt werden? Die wichtigste Erkenntnis unserer Zeit ist, daß viele Erfahrungen ohne theoretische Begründung hingenommen werden müssen. Wer die ständigen Auseinandersetzungen um überlieferte oder neu konstruierte Verhaltensformen verfolgt, dem drängt sich immer wieder die Einsicht auf: Die Überlieferung hat doch viel bessere Gründe, als in der oberflächlichen Auseinandersetzung meist wahrgenommen wird, und oft kapituliert man schließlich vor ihrer Weisheit:

Die Überlieferung hat doch recht!

Kehren wir zum Bau unseres Menschheitstempels zurück. Es scheint, als müßten wir unsere Verhaltensweisen nach den veränderten Verhältnissen richten, wie wir sie aus den verschiedenen Informationsmöglichkeiten erfahren. Dabei sollten wir jedoch nicht außer acht lassen, was Ortega y Gasset uns sagt:

"Es ist falsch, daß im Leben die "Umstände" entscheiden.
Im Gegenteil: die Umstände sind immer der Kreuzweg,
an dem unser Charakter entscheidet."


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