Zeichnung vom April

verfasst von Sebastian A. S. Grell
aufgelegt zum 14ten April anno 2016
in der Loge Am Rauhen Stein i.O. Hamburg 888

Ehrwürdiger Meister, geliebte Brüder alle,

Wer kennt das nicht: wir sind alle unvorbereitet hereingestolpert und laufen einfach los, denn Stehen-bleiben scheint keine Option? Es ist das Leben. Was hier ein wenig lustig anmuten mag, hat einen Kern, dem nicht mit irgendeiner Patentlösung begegnet und schon gar nicht auf alle Male Abhilfe verschafft werden kann (wenn auch manche Morallehren oder religiöse Lehren genau so etwas vorschlagen mögen): ich spreche von der unausweichlichen, irgendwie gearteten Orientierung, die ein jeder von uns einnehmen muss – und zwar: im Leben (denn entscheiden wir uns, nichts zu tun, dann haben wir auch eine Wahl getroffen).

Was macht dieses Leben aus? Was macht es wesentlich? Wenn ich mir diese Fragen stelle, bin ich weniger von der Motivation getrieben, mich abzugrenzen (sei es von anderen Menschen oder aber dem Affen). Ich bin vielmehr davon getrieben, zu erfahren, was mein Dasein ausmacht, meine Existenz – und das weniger im metaphysischen als im praktischen Sinne: nicht warum es mich gibt, sondern die Frage danach, was tagein und tagaus für mich am meisten von Belang ist, ist das, was meinen Gedanken so wenig Ruhe beschert.

Wenn ich einen von euch, meine lieben Brüder, fragen würde, was denn sein Leben ausmache und ausgemacht habe, werdet ihr mir sicherlich von Entscheidungen berichten, die ihr traft; ihr werdet mir sicherlich von Erlebnissen berichten, die ihr als einzigartig in Erinnerung habt; und ihr werdet mir wohl von Menschen und Dingen erzählen, die eine wichtige Rolle in eurem Leben spielen oder gespielt haben. Neben passiven Eindrücken und Emotionen sind es vor allem Handlungen , die all dies zu dem machen, was es ist oder war – und auch die Eindrücke und Emotionen konnten in den allermeisten Fällen nur das sein, was sie waren, da Handlungen uns zu ihnen führten.

Wenn wir handeln, dann ergreifen wir Mittel, um das zu erreichen, was wir wollen. Handlungen ermöglichen uns, das zu sein, was wir sein wollen. Mit ihrer Hilfe gestalten wir unser Leben: wir treffen Entscheidungen dazu, wie wir uns verhalten wollen und erstellen Lebensentwürfe, die uns im besten Fall ermöglichen, möglichst häufig das tun zu können, was wir wollen.

3 Schritte können wir gehen auf einem Weg zur Vervollkommnung unseres Wollens: 3 Chancen sind uns gegeben… aber… jedoch… 3 Gefahren lauern ebenfalls!

‹Erkenne dich selbst!› [betont] ist jedem von uns, liebe Brüder, noch als Warnung, die uns allen am Tage unserer Aufnahme mit auf den Weg gegeben wurde, seit eben diesem Tage im Gedächtnis.

Und die erste Gefahr, die hier lauert, wird offenbar, sobald uns bewusst wird, dass zu jedem Handeln nicht nur ein Wollen gehört, sondern auch eine Wahl der Mittel und jemand, der die Mittel wählt: es ist diese Wahl der Mittel, die uns ein gutes Stück weit als Menschen ausmacht und uns maßgeblich von vielen anderen unterscheidet, denen zwar oft ähnliche menschliche Strebungen, Gelüste, Leidenschaften bekannt sind, die aber andere Mittel wählen, um ebendiese zu befriedigen und zu verwirklichen; und es ist auch diese Wahl der Mittel, die maßgeblich durch unsere Selbsteinschätzung, unser Selbstbild beeinflusst wird (nur wenn ich glaube, Achilleus im Zweikampf bezwingen zu können, werde ich mich auf das Duell einlassen – gegeben, ich trachte nach einem Sieg – und kämpfen werde ich nur dann, wenn es meinem Selbstbild entspricht, in einer solchen Situation mit einer Kampfhandlung zu antworten; d.h., wenn ich es als erstrebenswerteste Reaktion ansehe, die mir – zu diesem Zeitpunkt – in den Sinn kommt).

So versteht es sich, dass die konkrete Wahl der Mittel – die ausmacht, wie wir uns entscheiden, tagein, tagaus zu leben – Hand in Hand mit dem einhergeht, was wir wollen; es wird deutlich, dass diese Wahl der Mittel unser Wollen formt (die Unzertrennlichkeit von Wollen und Mittelwahl wird ganz offensichtlich, wenn wir uns einmal vorstellen, dass wir uns davon überzeugten, dass wir eine zweiwöchentliche Schottlandstudienreise ausschließlich zu Fuß oder auf dem Rücken eines Pferdes bestreiten könnten und uns keine andere Option offenstünde – ein solcher Glauben bezüglich der verfügbaren Mittel ließe sicherlich nicht das Wollen eines jedem Bruders unberührt).

Was die Ergründung der Hindernisse angeht: sind es Strebungen nach Eitelkeit oder Geltung, die maßgeblich unseren Blick in die Tiefen unseres Herzens verschleiern und uns hindern, uns selber so zu sehen, wie wir wirklich sind? Unabhängig von der wahren Ursache ist eines gewiss: nur dann, wenn es uns gelingt, die Gefahr, die hier lauert, zu bannen, und wir uns selbst aufrichtig begegnen können, wird es uns möglich sein, das zu erreichen, was wir erreichen wollen, ohne an Trugbildern, die wir uns von uns selbst schaffen, zu scheitern. So mögen wir uns des Öfteren nicht eingestehen, auf eine Art zu sein, die wir nicht gerne haben, während wir uns nur allzu gerne in dem Lichte sehen, welches uns recht zu sein scheint und uns gefällt. Lasst uns versuchen, davon Abstand zu nehmen und uns so zu sehen, wie wir wirklich sind. Treten wir doch einmal einen Schritt von uns selbst zurück; blicken wir doch einmal auf uns, als wären wir ein unbeteiligter Beobachter unserer selbst, der jedoch nicht den Durst vermissen lässt, die Welt in ihrem Tiefsten zu erkunden und ihr auf den Grund zu gehen. Was seht ihr, meine Brüder? [30 Sekunden Interruptio]

Wer kennt es nicht, sich so manches nicht eingestehen, sich ein wenig so sehen zu wollen, wie wir nicht sind. Doch: geben wir uns besser in Acht! Dies vermag uns den Blick zu verschleiern, wenn wir drauf und dran sind, Mittel zum Handeln zu wählen. Schaffen wir es bar von Angst, Sorge und Unbehagen in den nicht-verfälschenden Spiegel zu blicken, so vermögen wir es womöglich, die erste Gefahr zu bannen. Nennen wir sie die Gefahr des verliebten Egos, der Verlockung des Narzissus, sich selbst zu belügen.

Die erste Chance bietet sich uns: sofern die erste Hürde überwunden, steht es uns frei, unser Leben so zu entwerfen, dass es uns gestattet, die Mittel zu unserem Handeln möglichst oft in Einklang mit unseren wirklichen Fähigkeiten, Vorlieben und tiefsten Leidenschaften wählen zu können – nun; wir sind jetzt immerhin (zumindest weitgehend) aufrichtig mit uns und wir könnten womöglich die Mittel wählen, die uns erfolgreiche Handlungen versprechen … versprechen würden – lauerte da bloß nicht eine zweite Gefahr: soeben begegnete uns die Gefahr unserer inneren Natur; nun lauert vor uns die Gefahr der äußeren Natur. Wir können offensichtlich daran scheitern, dass wir verkennen, wie die Welt um uns herum beschaffen ist: können wir giftig nicht von ungiftig, unseren Vorhaben Abträgliches nicht von Zuträglichem und effektives Mittel nicht von Ineffektivem scheiden, so sind wir dazu verdammt, ein Blinder zu sein, dem nichts anderes bleibt, als in der Gegend verloren umherzustolpern.

Erst die aufgeklärte Wissenschaft ermöglicht ihrerseits, dem Umherirren ein Ende zu setzten, indem sie mit ihrem Licht die Dunkelheit erfüllt. Denn: sind wir bereit, wahrhaft aufgeklärt zu sein, so können wir die Augenbinde Stück für Stück lösen, die uns daran hinderte – und uns vermutlich trotz aller Bemühungen immer ein Stück weit daran hindern wird –, das Licht zu erblicken. Eine zweite Chance bietet sich uns: Gelingt es uns, uns ein Stück weit der Augenbinde zu entledigen, so können wir nunmehr sehende re n Auges unseren weiteren Weg bestreiten.

Nun können wir zwar die unterschiedlichen Früchte auf unseren Wegen voneinander scheiden; wir können nun die Mittel so wählen, dass wir dort ankommen, wo wir ankommen wollen, indem wir gelernt haben, die äußere Natur und uns selbst richtig einzuschätzen. Jedoch sind wir nicht allein: auf unseren Wegen können uns andere begegnen, die ihrerseits ihre ganz eigenen Vorhaben zu verfolgen scheinen – sind diese im Einklang mit unseren eigenen oder sind sie womöglich den unseren ‘gar gegenläufig; d.h., sind ihre Mittel mit den unsrigen kompatibel: haben wir Unterstützung oder Sabotage auf unseren Wegen zu erwarten; oder aber keines von beidem?

Voraussichtlich haben wir alles drei auf unseren Wegen zu erwarten. In einem Fall werden wir versuchen, anderen aus dem Weg zu gehen, in einem der anderen beiden Fälle werden wir den Vorhaben anderer gleichgültig gegenüberstehen und im dritten Fall werden wir uns womöglich mit ihnen einlassen. Wenn wir uns mit ihnen – das ist: anderen – einlassen, begegnen wir sowohl Chance als auch Gefahr: Sprechen wir zuerst über die Gefahr (es ist die dritte Gefahr, die auf unseren Wegen lauert, und wir könnten sie als die Gefahr des Sozialen betiteln): sie betrifft denjenigen, der vor Naivität kurzsichtig ist, und sie kann zur Gefahr gebrochenen Vertrauens werden; wir könnten hintergangen und belogen werden. Woher können wir uns sicher sein, dass mein Weggefährte mir auch dann noch hilft, wenn ich meinen Teil der Abmachung erfüllt habe? Wird er mein Vertrauen brechen? Wird es mich hintergehen? Auf welcher Basis lässt sich ein Vertrauen zwischen mir und ihm aufbauen? Es stellt sich mir die Frage: wie kann ich den obigen Gefahren entkommen; und für den Fall, dass ich ihnen nicht entkommen kann: wie kann ich ihre unerwünschten Auswirkungen maßgeblich verringern? Es wäre hilfreich, ihres Ausmaßes gewahr werden zu können, indem ich sie verlässlich einschätzen und überschauen kann. Denn so sehr hier auch eine große Gefahr lauert, die Chance die sich bietet, ist oftmals nicht von geringerem Gewicht: könnte ich dem Anderen vertrauen, wäre so manche Abmachung für uns beide von Vorteil.

Doch Vorsicht ist geboten: zwar könnten wir Dritten die Zuständigkeit dafür anvertrauen, dass sie die Einhaltung garantieren mögen, doch verschieben wir damit nur die Quelle der Gefahr; auch hier stellt sich erneut die Frage danach, ob wir vertrauen können; danach, wie wir eine Grundlage schaffen könnten, die uns davor bewahrt, ständig fürchten zu müssen, dass unsere Abmachungen damit enden, dass wir hintergangen werden – seien es wir beide (der Andere und ich), die hintergangen werden, oder bloß ich, der in seiner Naivität übersieht, wie der Andere zu seinem Vorteil mit dem Dritten paktieren könnte. Verlieren wir aber die Chance nicht aus den Augen: wenn ich mich darauf einlasse, mit anderen Abmachungen zu treffen, heißt das, dass ich die Mittel des Anderen als geeigneter einschätze als meine eigenen, um eines meiner Vorhaben zu verwirklichen – eine Ko operation im wahrsten Sinne des Wortes.

Stellen wir uns einmal vor, wir wollten ein Buch übersetzen lassen. Wir geben akademische Seminare und sind außerordentlich berühmt dafür. Stellen wir uns einmal vor, wir fänden jemanden, der erpicht darauf wäre, ein bestimmtes akademisches Seminar anbieten zu können. Dieser jemand besitzt nun glücklicherweise Expertise darin, Bücher zu übersetzen. Was für eine Chance! Wie sehr würden wir beide profitieren, wenn ich ein Seminar für ihn gäbe und er im Gegenzug mein Buch übersetzte? Nur besteht für jeden von uns jedoch auch folgende Gefahr. Sofern ich mein Seminar gäbe, bevor er mein Buch übersetzen würde, wie kann ich mir dann sicher sein, dass er mein Buch auch dann noch übersetzen würde, wenn er seine Gegenleistung – das Seminar – bereits erhielte? Selbst wenn er das Buch übersetzen würde, hätte ich allen Grund dazu, zu befürchten, dass der andere seine Arbeit womöglich gänzlich vernachlässigen, schleifen lassen oder ganz einfach nicht gut machen würde. Wenn ich hingegen mein Seminar gäbe, nachdem die Übersetzung fertiggestellt wäre, müsste er Vergleichbares fürchten. Würde es helfen, das Seminar zu geben, sobald das Buch - sagen wir - zur Hälfte übersetzt ist? Nein – auch dies würde das Problem nicht vollends lösen, sondern die Problematik bloß verschieben.

Wie können wir diese Chance nutzen und entkommen gleichzeitig – zumindest ein Stück weit – der einhergehenden Gefahr? Wann sind wir davor gefeit, dass unser Vertrauen nicht in Naivität umschlägt? Anders ausgedrückt: welche Rahmenbedingungen bieten gute Gründe, davon auszugehen, dass der Andere bei der abgemachten Kooperation sein Wort hält?

Es lassen sich hierauf sicherlich mehrere gute Vorschläge geben, die sich nicht allesamt gegenseitig auszuschließen scheinen. Die Schaffung / Gründung eines Staates scheint dabei ein besonders vielversprechender Ansatz zu sein, für alle beteiligten Seiten einer Kooperation vorteilhafte Bedingungen zu schaffen.

Jedoch: wie können wir uns im Unterschied zu anderen Dritten, die damit betraut sein könnten, die Vertragseinhaltung zu garantieren, sicher sein, dass nun ebendiese dritte Gewalt uns nicht hintergeht? Was sichert unser Vertrauen? Wie können wir uns davor absichern, dass der Staat nicht mit meinem Vertragspartner paktiert und mich dann beide hintergehen? Wie kann ich mich davor absichern, dass dies jetzt und auch in Zukunft nicht geschehen wird? In anderen Worten: wie können wir uns, ein jeder von uns sich, vor der eigenen Naivität der Kursichtigkeit bewahren, die es zulassen könnte, dass ein eingesetzter Staat Vorhaben anderer auf Kosten der meinigen unterstützt und in Folge dessen Gedanken begleitet von tiefstem Gram in mir, in uns heraufbeschwört? Wir werden denken: hätte ich mich doch damals nicht auf das auf den ersten Blick so verheißende Konstrukt, der unseren Staat heutzutage ausmacht, eingelassen; wäre ich doch bloß meiner eigenen Wege gegangen!

Ehrwürdiger Meister, meine lieben Brüder, meine Zeichnung endet hier.