M. S.

Vorbildlicher Lebenswandel

Wenn der Meister vom Stuhl am Ende einer freimaurerischen, rituellen Arbeit nach unserem Traditionsritual den 2. Aufseher fragt: "Wodurch soll sich der Freimaurer im Leben vor anderen Menschen auszeichnen?", dann lautet die Antwort "Durch Aufrichtigkeit und Freundschaft gegen seine Brüder und durch einen vorbildlichen Lebenswandel". Was heißt das nun?

Im ersten Teil der Antwort wird Aufrichtigkeit und Freundschaft gegenüber den Brüdern gefordert, welches durch Toleranz und brüderlicher Liebe erfüllt werden kann; aber wie ist es mit dem zweiten Teil, "dem vorbildlichen Lebenswandel"? Hier wird an die moralische, d. h, sittliche Haltung des Freimaurers mit verantwortlichem Handeln appelliert. Moral und Sitte - was ist das nun? Schauen wir ins Lexikon. Im Brockhaus wird über Moral nur wenig gesagt. Moral ist die sittliche Haltung, die Gesamtheit der Sitten. Also ist Moral gleich Sittlichkeit oder Ethik; beide Begriffe haben sich im letzten Jahrhundert immer mehr miteinander vermischt, so daß ein Unterschied zwischen Moral und Ethik nur schwer erkennbar und trennbar ist. Und dennoch, meine ich, sollten wir als Freimaurer versuchen, einen Unterschied herauszuarbeiten.

Moral wird in der Philosophie verschiedenartig verwendet; man spricht von Moralphilosophie, Moralpsychologie, Moraltheologie, von der doppelten Moral etc. Wir sehen, Moral ist veränderlich, anpassungsfähig, läßt sich von einzelnen oder der Gesellschaft in die jeweils gewünschte Form ändern; Moral ist zeitgebunden. Wie einfach sich Moral manipulieren läßt, geht aus der Tatsache hervor, daß z. B, vor einigen Jahren eine Abtreibung als höchst unmoralisch betrachtet wurde, in alten Zeiten als Verbrechen; heute bringt ein Großteil der Gesellschaft einer Frau, die aus welchen Gründen auch immer eine Abtreibung vornehmen läßt, Verständnis entgegen.

Ein anderes Beispiel zur Veränderung des Moralbegriffes ist "das Zusammenleben von Mann und Frau ohne Trauschein". Früher galt es als "wilde Ehe"; heute gilt es als durchaus gesellschaftsfähig. Vergleicht man Film und Theater vor 40 bis 50 Jahren mit dem heutigen, so sind Nacktszenen ein häufiger eingesetztes Gestaltungselement geworden. Wie sieht es mit den Diskotheken aus, in denen Drogen frei gehandelt werden und deren ohrenbetäubend laute Musik bei ihren Besuchern zu gesundheitlichen Schäden führt?

Die Freimaurerei braucht sich von diesem Geschehen nicht beeindrucken zu lassen und kann höhere Werte dagensetzen. Der Freimaurer sollte vorbildhaft etwas Tugendhafteres, etwas Zeitloseres dieser Entwicklung entgegenhalten. Das ist meiner Meinung nach eine positive, ethisch reflektierte Grundeinstellung.

Ethik führt in das Innere des Menschen, geht ans Herz, spricht das Gewissen an und beflügelt ihn zu einem tugendhaften, vernünftigen und verantwortlichen Handeln, vielleicht auch auf einer persönlichen religiösen Grundlage. Ich las kürzlich einen Aufsatz in einer Zeitschrift "Christ und Welt" über das "Gewissen", in dem der Moraltheologe Bernhard Sill aus Hildesheim das Gewissen an Gottes Stimme bindet, wenn er sagt: "Im Gewissen weiß sich der Mensch in einer Weise angesprochen, die ihn unbedingt angeht; dort begegnet er Gott". Das Recht, sich auf das Gewissen zu berufen, bindet sich daher immer an die Pflicht, das Gewissen auch zu befragen. Gewissensbildung muß sein, soll Gewissensbindung Sinn machen. Das Gewissen wird geprägt durch Erziehung und Umwelt, was folglich bei jedem einzelnen Menschen zu einer jeweils anderen Gewissensbildung führt.

Die auffällige Veränderung der Moral unserer Zeit läßt den Verdacht aufkommen, daß wir am Anfang einer neuen Epoche der Menschheitsgeschichte stehen. Was können wir tun? Sollen wir mit vermehrter Hartnäckigkeit an unseren langgehegten Prinzipien festhalten, von denen viele in Zeiten entstanden sind, die längst keine Gültigkeit mehr besitzen? Sollen wir etwa den moralischen Zusammenbruch unserer Zeit beklagen? Oder sollen wir uns lieber klarmachen, daß Freimaurerei überhaupt nicht nach einem festgelegten Moralkodex ruft, sondern eine lebendige Einübung des Miteinander-Auskommens, des Einander-Verzeihens, des Einander-Zurechthelfens, des Gewinnens einer neuen Beziehung zu uns selbst, zu unserer Umwelt und zu dem, was jeder von uns auf seine Weise in dem Symbol des Großen Baumeisters aller Welten erkennt, einfordert? Wenn wir unser Denken und Handeln nicht auf ein bestimmtes ethisches System begrenzen, sondern Freimaurerei als Demonstration von verantwortlichem Handeln vorleben, dann werden wir Wegweiser für alle die, die nach dem rechten Weg durchs Leben fragen.