Michael L.

Wie Krankheit ein Weg aus der Krise werden kann

Als ich von der Aufgabe hörte, eine Zeichnung (Vortrag) aufzulegen, hatte ich zunächst an ein Thema über die "alten Pflichten" gedacht. Aber diesen Gedanken habe ich schnell verworfen, weil hierzu sicher berufenere Zeichnungen aufgelegt wurden. Ich kam dann zu dem Entschluß, eine Zeichnung aus meiner eigenen Lebenserfahrung aufzulegen.

Bedingt durch Schwierigkeiten in meinem Umfeld, hatte ich eine Phase in meinem Leben, in der ich in Lethargie versank, die Umwelt nicht mehr wahrnahm, meinen Mitmenschen gegenüber gleichgültig wurde und soziale Kontakte abbrach. Mit dieser Stimmung einher ging es mit mir gesundheitlich bergab. Erst ein langes Gespräch mit einer Freundin, Ärztin von Beruf, brachte bei mir die Erkenntnis, daß es so nicht weitergeht. Sie machte mir klar, daß Geist und Seele in Einklang mit dem Körper zu bringen sind, sonst würden nur Symptome geheilt, nicht aber der Mensch. Durch Gespräche und Lektüre habe einen Weg aus meiner Krise gesucht. Dabei stand der geforderte Dreiklang zwischen Körper, Geist und Seele untrennbar verbunden mit der Suche nach Werten auf dem Prüfstand. Heute geht es mir gut, körperlich und seelisch. Meine Beschwerden sind nicht mehr vorhanden. Die Freimaurerei, für die ich mich schon damals interessierte, ist mir heute zusätzlich eine Hilfe bei der Arbeit an mir selbst, besonders da hier neben der Seele auch der Geist wieder gefordert wird, etwas was ich über Jahre vernachlässigt hatte. Auch die Wiederentdeckung von Werten spielte dabei eine große Rolle. Ich bitte Euch deshalb, meine Zeichnung unter diesem Aspekt zu bewerten. Ich habe ihr den Titel:

"Wie Krankheit ein Weg aus der Krise werden kann"
gegeben.

Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Organe und Körperfunktionen. Eingebunden in sein soziales Umfeld ist er vielen Einflüssen ausgesetzt, die seine Harmonie stärken oder stören können. Was aber macht die Gesundheit des Menschen aus? Auch hier der Blick in den Brockhaus - ich zitiere: " Gesundheit = Zustand des gesunden Körpers" oder "voll leistungsfähig, krankheitsfrei". Dies genügt mir nicht, und ich glaube, was die Weltgesundheitsorganisation definiert, dem was ich darunter verstehe, viel näher kommt: Sie beschreibt Gesundheit als "Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheiten und Gebrechen". Hier finden wir schon den Hinweis, daß dem Menschen mehr zuzurechnen ist, als nur sein Körper. Stehen alle sozialen, seelischen und geistigen Gegebenheiten eines Menschen mit seinen harmonischen und vitalen Körperfunktionen im Einklang, ist der Mensch gesund. Gibt es aber Störungen auf einer der genannten Ebenen, werden alle anderen Ebenen ebenfalls beeinträchtigt. Da dies weitgehende Konsequenzen für die Gesundung eines Menschen hat, lohnt es sich, die Zusammenhänge etwas ausführlicher zu beleuchten. Betrachten wir den Menschen als ein Wesen aus Geist, Seele und Körper, ist die Hierarchie im Zusammenwirken dieser drei Ebenen von Bedeutung und sicherlich deutlich nachzuvollziehen. In bezug auf die Auswirkungen auf die Lebensqualität gibt es graduelle Unterschiede der Bedeutung der drei Ebenen. Der Geist nimmt nach meiner Meinung den ersten Platz in dieser Hierarchie ein: Die geistige Ebene eines Menschen umfaßt die bewußte Verarbeitung bzw. Umsetzung innerer und äußerer Eindrücke. Ihre Kennzeichen sind:

  • Klarheit des Ausdrucks,
  • Zweckmäßigkeit, innerer Zusammenhang und Logik der Denkfunktionen,
  • schöpferischer Einsatz der geistigen Fähigkeiten nicht nur in bezug auf sich selbst, sondern zum Wohle auch der Mitmenschen.
  • Ein Mensch mit gesundem Geist kann mit Hilfe seines intakten Denkens und der Fähigkeit zur Konzentration und Kreativität schöpferisch leben und auch Störungen im seelischen Befinden bewußt bearbeiten, ja sogar lösen. Selbst bei gestörter oder eingeschränkter Körperfunktion kann er bewußt und aktiv am Leben teilnehmen. Gesundheit auf der geistigen Ebene ist durch die Fähigkeit gekennzeichnet, Negativerlebnisse konstruktiv zu verarbeiten und am Leben weiter aktiv teilzunehmen. Dazu gehört die wesentliche Eigenschaft, von der eigenen Betroffenheit wegzuschauen und zu erkennen, welch neuer Sinn das eigene Leben in der veränderten Situation gewinnen kann. Ein berühmtes Beispiel dafür ist Helen Keller (27.6.1880-1.6.1968), die seit dem 2. Lebensjahr blind und taubstumm war. Sie absolvierte ein Sprach- und Literaturstudium am Radcliff-College und wirkte wegweisend im Bereich der Blindenerziehung und Entwicklung der Blindenschrift. Ludwig van Beethoven ertaubte während er seine 5. Symphonie, die "Schicksalssymphonie" komponierte und schuf seine folgenden 4 Symphonien in völlig taubem Zustand. Sind wir jedoch nicht in der Lage, unsere Lebensumstände kreativ einzuordnen, besteht die Gefahr - und dies wäre das Bild von Krankheit oder Störung auf der geistigen Lebensebene -, in Sinnlosigkeit und Lethargie zu versinken.

    Der für mich zweitwichtigste Bereich in der Hierarchie menschlichen Seins ist die Seelenebene - oder emotionale Ebene - die spontanen Gefühle, mit denen ein Mensch auf seine Lebensumstände reagiert. Hier unterscheide ich zwischen zwei wesentlichen grundlegenden Ausrichtungen:

  • den bejahenden Gefühlen und
  • den verneinenden Gefühlen.
  • Bejahende Gefühle sind solche, die zu einer gelassenen Annahme der Lebensumstände führen, ohne sich dabei jedoch destruktiv einem vermeintlichen Schicksal zu ergeben. Dies bedeutet nicht, Leid nicht zu empfinden, sondern es nicht länger als notwendig bestehen zu lassen. Wesentlich dabei ist, den Augenblick bewußt zu erleben und gleichzeitig für den nächsten Augenblick offen zu sein. Voraussetzung dazu ist die Fähigkeit zur Freude, Liebe und Gelassenheit, sowie Vertrauen und Mut, das Leben, so wie es sich darstellt, anzunehmen.

    Verneinende Gefühle halten jedoch leidvolle Erfahrungen fest und führen dazu, das Leben abzulehnen und in allem was geschieht, nur das Leid erzeugende zu sehen. Dazu gehören Haß, Furcht, Neid, Eifersucht, Lebensüberdruß und Depression. Sie gehen einher mit einer tiefverwurzelten Störung des Selbstwertgefühls. Empfindlichkeit und Verletzbarkeit sind enorm gesteigert, was zu einem Gefühl von Isolation und Einsamkeit führt. Mit einer lebensbejahenden Haltung ist ein grundsätzliches Vertrauen in das Leben verbunden, was dazu führt, aus jeder Leid erzeugenden Situation einen kreativen Ausweg oder eine neue Lebensrichtung zu finden.

    Die körperliche Ebene stelle ich erst an die dritte Stelle der Hierarchie. Auf den ersten Blick scheint es hierzu keine wesentlichen Ergänzungen zu geben. Gerade deshalb halte ich es für wichtig, noch auf eine Hierarchie innerhalb dieser Ebene aufmerksam zu machen. Betrachten wir Gesundheit und Krankheit, so gibt es den Zustand körperlichen Wohlbefindens als Ausdruck völliger körperlicher Gesundheit und viele Abstufungen bezüglich sämtlicher Abweichungen davon, deren Skala von der beginnenden körperlichen Erschöpfung über funktionale Störungen bis hin zu schweren organischen und lebensbedrohenden Erkrankungen reicht. Ein großes Problem unserer Zeit besteht darin, daß man Makel und Mängel nicht zeigt und sie deshalb nie sichtbar werden dürfen. Gesund wirken, egal wie. Der braungebrannte, gepflegte Mensch als Ausdruck von Gesundheit und strotzender Fitness. Sonnenstudios haben Hochkonjunktur, Fitness- Urlaub und Wellness - Reisen sind der Renner bei den Reisebüros. Nicht die Erholung von Körper, Geist und Seele steht bei vielen im Mittelpunkt des Urlaubs, sondern die Aussicht, braungebrannt und somit vordergründig gesund und fit zurückzukommen.

    Bezüglich der Ganzheit des Menschen haben wir uns nun die drei Lebensebenen angeschaut. Natürlich kann man sie nicht isoliert voneinander betrachten: Sie stellen im gesunden Organismus ein fein aufeinander abgestimmtes harmonisch funktionierendes System dar, welches durch eine übergeordnete Kraft gesteuert wird: die Lebenskraft oder die Vitalität. Aber was ist diese Lebenskraft? Paracelsus vertrat die Auffassung "...daß es sich bei der Lebenskraft um ein unsichtbares geistiges Ordnungsprinzip handele, dessen sinnvoll aufbauendes Wirken auf einen intelligenten Ursprung (Gott) zurückgehe. "Im Verlaufe der letzten 250 Jahre geriet diese Auffassung in der naturwissenschaftlichen Betrachtung als naive Spekulation in Verruf. Die Physik, die sich im Laufe der Jahre als eine äußerst selbstkritikfähige Disziplin auszeichnete und sich immer hinterfragt hat, lieferte im Laufe der Zeit die Theorien, die sich immer mehr diesem Gedanken einer zugrundeliegenden, ordnenden Kraft angenähert haben. So wurde mir die Theorie der Quantenelektrodynamik nahegebracht, die den Gegensatz zwischen Materie und Nicht-Materie quasi aufhebt, indem sie davon ausgeht, daß materielle Teilchen, sog. Photonen, nichts anderes sind als die Verdichtung von Energie. Durch ständige Bewegung dieser Energie verlagern sich die Verdichtungen und es entsteht die scheinbare Teilchenbewegung in einem energetischen Feld. Diese Zusammenhänge machen verständlich, daß alle Veränderungen in einem Energiefeld voneinander abhängig sind und einander bedingen. Überträgt man diese Theorie auf den Menschen, ist es nachvollziehbar, daß im energetischem Feld des Menschen jede Veränderung im Denken und Fühlen auch eine Veränderung der Körperlichkeit nach sich zieht; umgekehrt zunehmende Störungen aber auch auf das Denken und Fühlen zurückwirken können.

    Schlagen wir nun den Bogen zu möglichen Ansätzen, sich zur Heilung verhelfen zu lassen, wird deutlich, daß es keinesfalls ausreichen kann, körperliche Symptome isoliert zu betrachten. Selbstverständlich ist es chemisch möglich, Einfluß auf die biochemischen Reaktionen zu nehmen. Läßt man dabei aber die Lebensumstände sowie das Denken und besonders das Fühlen außer acht, wird man eine Regulierung in Richtung Harmonisierung auf Dauer nicht erreichen können. Auch nicht mit dem besten Arzt, wenn er über die besonderen Umstände im Unklaren gelassen wird. Vielmehr werden auf diese Weise die eigentlich gesunden Reaktionen des Gesamtsystems "Organismus" unterdrückt, während die Störungen auf den anderen Ebenen weiterwirken. Das heißt, daß wir Wege beschreiten müssen, uns zu befähigen, die auslösenden Momente unseres Erkrankens zu erkennen, zu verarbeiten und, wenn erforderlich, zu verändern, was aber die Bereitschaft des Erkrankten voraussetzt, aktiv an einer Veränderung seiner Lebensumstände mitzuarbeiten.

    Nachdem ich gelernt hatte, meine eigenen Gedanken zu überprüfen und einer Neubewertung zu unterziehen - Br. Wolfgang nannte es in seiner Zeichnung "Filter wechseln" - gelangte ich auch zur Kontrolle über meine Gefühle, die bis dato negativ eingestellt waren. Ich stellte mir die Frage nach dem Sinn meines Lebens. Der humanistische Psychologe Abraham Maslow geht in seinen Theorien davon aus, daß wir alle ein angeborenes Bedürfnis nach Selbstverwirklichung haben. Selbstverwirklichung ist das Bedürfnis des Menschen, das zu werden, als das wir geschaffen wurden. Ignorieren oder vernachlässigen wir dieses Bedürfnis, - so Maslow - rutschen wir leicht in eine lethargische oder sogar depressive Stimmung. Selbstverwirklichung läßt sich auch als Wusch definieren, seine eigenen Talente und Fähigkeiten voll auszuschöpfen. Jeder hat wohl den Wunsch, als Person zu wachsen. Wir als Freimaurer bekennen uns dazu.

    Um herauszufinden, was Selbstverwirklichung für uns bedeutet, müssen wir in uns hineinschauen und uns fragen: Wofür habe ich ein Talent, eine natürliche Begabung, wovon träumte ich, was wollte ich werden, als ich Kind oder Jugendlicher war. Dann sollte man sich bemühen, äußere Ablenkungen auszuschalten und auf die eigene Stimme zu hören. Maslow spricht von "Impulsstimmen", natürlichen Stimmen innerhalb des Bewußtseins, denen wir folgen sollen, nachdem wir in uns hineingeschaut haben. Er redete auch davon: "Der eigenen Freude folgen !". Auf dem Weg zur Selbstverwirklichung wird man offen für spontane Augenblicke der Freude und Begeisterung, man kommt in Einklang mit der sozialen Welt und zieht sich nicht auf Positionen zurück, wo man sich den Mitmenschen entfremdet. Maslow geht noch einen Schritt weiter mit seiner Behauptung, daß jeder von uns einen angeborenen Willen zur Sinnerfüllung hat, einen starken Impuls, Werte zu entdecken, die das Leben lebenswert machen. Sinn und Bedeutung des Lebens stehen also in einem direkten Zusammenhang mit der Entdeckung von Werten. Diese Werte reichen von der materiellen Ebene bis zur spirituellen Dimension und entsprechen dem Bewußtseinsgrad des Menschen. Wir Freimaurer bekennen uns z.B. besonders zu den "alten Pflichten". Für einen im Glauben ruhenden Menschen gehört u.a. dazu die Verwirklichung der "Kardinalstugenden", wie eine Lebensführung im Sinne der christlichen Nächstenliebe. Ich nenne hier als Beispiele nur: Demut, Wohltätigkeit, Bescheidenheit und Tatkraft. Disharmonien entstehen dann im Konflikt zwischen dem bestehenden, inneren Wertesystem und den realen Lebensumständen, bzw. zwischen den eigenen Bedürfnissen, die im Wertesystem begründet sind und der Verwirklichung im Außen. Um diese Konflikte bewußt machen und bearbeiten zu können, ist es unumgänglich, die eigenen Werte zunächst zu erkennen.

    Auch ich habe festgestellt, daß Sinn und Bedeutung meines Lebens mit der Entdeckung von Werten im Zusammenhang steht. Hier verhilft mir die Freimaurerei, diese Werte mehr und mehr zu erkennen und zu erstreben; Werte, die zwar allgegenwärtig, aber häufig unsichtbar sind. Wir sehen sie oft nicht, weil wir ihnen gegenüber blind geworden sind. Sie sind - um ein Beispiel zu gebrauchen - wie schöne Möbel in einem dunklen Zimmer. Mit etwas Nachdenken ist es wie mit dem Anknipsen von Licht, und wir nehmen wahr, daß die Werte wie ein geistiges Mobiliar die ganze Zeit vorhanden waren. In den meisten Fällen wird man feststellen, daß diese Entdeckung von Werten im Grunde die Wiederentdeckung von Werten ist, die man bislang vernachlässigt hat. Haben wir die Werte einmal entdeckt, bekommen sie dadurch einen Sinn, daß wir tatsächlich mit ihnen etwas anfangen. Nur über Werte nachzudenken genügt nicht, sondern wir müssen unsere guten Ideen in die Tat umsetzen. Werte wiederzuentdecken und aktiv werden - dann wird die Suche nach dem Sinn auch tatsächlich zum Ziel führen.

    Ich bin überzeugt, daß durch diese meine veränderte Lebenseinstellung, die auch geprägt war von "Schau in Dich" und der Arbeit "am rauhen Stein", die dritte Ebene, nämlich die körperliche Ebene wieder ins Gleichgewicht kam. So war für mich die Krankheit ein Ausweg aus meiner Krise.

    Liebe Brüder, ich bitte Euch, meine Zeichnung als Ergebnis meiner gemachten Erfahrungen und der von mir daraus gezogenen Konsequenzen und Gedanken zu beurteilen. Eine psychologische oder medizinische Abhandlung konnte es nicht werden und sollte es nicht werden, dazu fehlen mir sämtliche Voraussetzungen.