Im Spiegel wohnen - Gedanken zu Heiner Müllers BILDBESCHREIBUNG

Zeichnung von Br. H. M.

November 2014

Vor etwa 25 Jahren hörte ich im Radio eine Art Hörspiel. Es handelte sich um den Text BILDBESCHREIBUNG von Heiner Müller. Diese längst verflossene vielleicht halbe Stunde ist mir nicht nur im Gedächtnis hängen geblieben. Sie hat mich im Laufe der Jahre immer wieder angeregt und inspiriert, vielleicht sogar geprägt. Leider gibt es keine erwerbbaren Reproduktionen des Hörspiels. Immerhin kann man das Stück nachlesen, was ich kürzlich tat.

Heiner Müller brachte BILDBESCHREIBUNG nach einer Tuschezeichnung der bulgarischen Studentin Emilia Kolewa aus dem Jahre 1984 zu Papier. Als Auftragswerk des Steirischen Herbstes wurde das Stück am 6. Oktober 1985 unter der Regie von Ginka Tscholakowa im Schauspielhaus Graz uraufgeführt.

Eine Landschaft zwischen Steppe und Savanne, der Himmel preußisch blau, so harmlos beginnt der Text. Die Akteure in BILDBESCHREIBUNG sind vor Allem eine Frau und ein Mann. Die Szenerie deutet auf einfache Verhältnisse hin, Kleidung Haus Tisch Stühle das Haus im Vordergrund mehr Industrieprodukt als Handwerk, wahrscheinlich Beton, oder die Kleidung ein löchriger Fellmantel, geschnitten für breitere Schultern. Der Autor sieht überall im Bild Zeichen von Gewalt, Unterdrückung, Zerstörung. Der anfänglich scheinbar eine einigermaßen realistische Szene beschreibende Text greift mit Liebe und Tod, Sex und Gewalt die Themen klassischer Dramen auf welche Last hat den Stuhl zerbrochen, den andern unfest gemacht, ein Mord vielleicht, oder ein wilder Geschlechtsakt, oder beides in einem.

Die Handlung, wenn man von einer solchen sprechen kann, findet in einer Landschaft jenseits des Todes statt und weist auch selbst bald supranaturale Züge auf ICH HABE DIR GESAGT DU SOLLST NICHT WIEDERKOMMEN TOT IST TOT. Sie ist durch Wiederholung und Reversion gleichsam eingefroren, eine letztendlich vielleicht sogar wirkungs-, sicher jedoch ausweglose Zirkulation, ein Strudel, dessen Sog den Leser in seinen Bann zieht. Der Ausweg, die Erlösung kann nur noch durch die Abwesenheit des Auswegs, der Erlösung erfahren werden: gesucht: die Lücke im Ablauf, das Andre in der Wiederkehr des Gleichen, das Stottern im sprachlosen Text, das Loch in der Ewigkeit, der vielleicht erlösende Fehler.

BILDBESCHREIBUNG endet als Autodrama, das Ich widerspiegelt sich in den Bildelementen, die Grenze zwischen Text und Autor verschwimmt wer ODER WAS fragt nach dem Bild, IM SPIEGEL WOHNEN, ist der Mann mit dem Tanzschritt ICH, mein Grab sein Gesicht, ICH die Frau mit der Wunde am Hals, rechts und links in Händen den geteilten Vogel, Blut am Mund, ICH der Vogel, der mit der Schrift seines Schnabels dem Mörder den Weg in die Nacht zeigt, ICH der gefrorene Sturm. Der Betrachter des Bildes wird zum Betrachteten, vom Zuschauer zum Akteur, der Spiegel schaut zurück.

Und was hat dieser Katastrophenkatarakt ohne Punkt, nur Kommata (Rischbieter, Henning, „Das Verlöschen der Welt. Ein früher und ein später Text Heiner Müllers. – Bildbeschreibung in Graz, Die Umsiedlerin in Dresden“, in: Theater heute, 12/ 1985, S. 39) mit Freimaurerei zu tun?

Menschen sind es gewohnt, sich die Welt über Bilder zu erschließen. Da sind die Versprechen der Werbung oder religiöser Gemeinschaften, oder Heilsversprechen bestimmter Orte: das gelobte Land/ Klondike/ das Einfamilienhaus usw. Über Bilder wird die Welt bewohnbar gemacht. Denn Bilder wecken nicht nur Bedürfnisse, sondern suggerieren auch deren Realisierbarkeit, ein Ziel vor Augen haben, wie man sich bettet, so liegt man, ein jeder möge sich seine Welt nach seinen Vorstellungen erschaffen. Diese Bilder führen jedoch nicht nur zur Erschaffung, sondern ebenfalls und unbedingt zur Zerstörung der Welt. Ein Stück Wald wird gerodet, ein Haus ein Feld entstehen, eine Familie lebt: der Wald ist tot; eine hochgelobte Gemeinschaft zerbricht: Teile verhalten sich anders, als daß es erwartet wird; der wissende Mensch: ersetzt den unwissenden. Bilder, welche eine emotionale Reaktion auslösen, welche vielleicht zu Veränderung führen, werden zu Symbolen. Für verschiedene Individuen steht das gleiche Symbol oft für verschiedene Dinge; das Bild eines Berges mag dem Einen Ehrfurcht einflössen, beim Anderen Reisefieber auslösen, dem Dritten Geschäftsideen eingeben und der Vierte findet es einfach schade um den schönen Horizont, der zugestellt wurde.

Freimaurerei bedient sich zahlreicher Symbole, deren jedes ein Universum an Bildern auslösen kann, also gewissermaßen dieses Universum in sich einschließt. Einschließt im doppelten Sinne: „beinhalten/ umfassen“ und „dem leichten Zugriff von Außen entziehen“. Symbole verbergen erst einmal sämtliche in ihnen enthaltenen Informationen und enthüllen nur das, was der Betrachter in ihnen zu erkennen vermag. Sie verhüllen mehr, viel mehr, als sie enthüllen. Ein Symbol, in dem jeder das Gleiche zu erkennen vermeint, dessen zahllose andere Deutungen und Deutungskombinationen amputiert worden sind, ist tot.

Das Vermögen, aus Bildern und Symbolen Erkenntnis zu gewinnen, hängt also vom Betrachter ab und kann, ja muss sich folglich mit diesem verändern. Übung macht den Meister. In der Freimaurerei wird das Arbeit genannt, an sich selbst, am Tempelbau. So legt der Freimaurer Schicht um Schicht Deutungen frei, verändert seinen Blick auf die Welt, sein Bild von der Welt.

Genau das ist, was auch in Heiner Müllers BILDBESCHREIBUNG geschieht: Veränderung des Blickes und damit des Bildes. Die Beziehungen der im Bild dargestellten Akteure Frau Mann Vogel Wolken... werden immer wieder untersucht, in neue Zusammenhänge gesetzt, nochmals überarbeitet und dann über den Haufen geworfen, neu- und umgedeutet. Die verschiedenen Deutungen überlagern sich, schließen sich vielleicht auch mal aus, sie zitieren ältere Texte, welchen unterstellt werden darf, dass sie wiederum ältere Texte zitieren usw. In jeder Phase der Beschreibung ist das beschriebene Bild ein anderes, es verändert sich durch die Überlagerung von Deutungen. Bei Heiner Müller wird dieser Vorgang „Übermalung“ genannt: BILDBESCHREIBUNG kann als eine Übermalung der ALKESTIS gelesen werden, die das Nô-Spiel KUMASAKA, den 11. Gesang der ODYSSEE, Hitchcocks VÖGEL und Shakespeares STURM zitiert.

Die Übermalung als künstlerische Technik ist ein Trend aus der Malerei. Goya und Arnulf Rainer beeinflussten nachweislich Heiner Müllers Schaffen (Storch, Wolfgang, „Die Bildenden Künste“, in: Lehmann, Hans-Thies und Primavesi, Patrick (Hg.), Heiner Müller Handbuch, Stuttgart, J. B. Metzler Verlag, 2003, S. 120). Arnulf Rainer zum Beispiel setzte in der europäischen Kunstproduktion neue Akzente, indem er vorhandene Kunstwerke durch deren Veränderung vereinnahmte, sie durch Übermalung in Besitz nahm, die Themen des Originals überhöhte und dadurch neue Interpretationen ermöglichte.

In BILDBESCHREIBUNG ging Heiner Müller zweistufig vor: beschreiben des Gesehenen und interpretieren des Gesehenen. Dieses an sich einfache Prinzip wirkt komplexer, wenn in bereits begonnene Interpretationen die Beschreibung von sozusagen inzwischen neuentdecktem Gesehenen eingeschoben wird. Durch diese sukzessiven Ergänzungen verändert sich der Bildinhalt, ohne dass die vorher niedergeschriebenen Inhalte aufhören zu existieren; Papier ist geduldig. Die ursprünglichen Formen des Bildes werden so, analog zu den Übermalungen aus der Malerei, Schicht für Schicht mit Inhalten überdeckt. Mit Inhalten, die wiederum grundsätzlich vorher schon da waren, die es jedoch der Arbeit Heiner Müllers zu verdanken haben, dass sie und gerade sie „gemalt“ wurden; mit Inhalten, die ein anderer vielleicht niemals bedacht hätte.

Mit mehrfachen Interpretationen stellen sich die verschiedenen Bildelemente wechselseitig in Frage, schließlich treten sie deutlicher hervor und gewinnen über das Bild bzw. den Text hinaus an Bedeutung, an Erkenntnis. So dass aus dem Bild, das etwas zeigt, ein Bild [wird], das etwas meint (Lehmann, Hans-Thies, „Theater der Blicke. Zu Heiner Müllers Bildbeschreibung“, in: Dramatik der DDR, Hg. Ulrich Profitlich, Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag, 1987, S. 194). Die Bildelemente in BILDBESCHREIBUNG, Mann Frau Vögel, aber auch Obstschale Schatten Schraffur etc. werden symbolhaft gedeutet, ein Schatten kann als Zeichen von Blindheit, eine Geste als Symbol für Abwehr gedeutet werden. Die Symbole dienen hier als Katalysator der Interpretation, welche die mögliche Wirkung vervielfachen und im Wechselspiel der Gedankenfunken nochmals potenzieren. Doch egal wie lange Interpretation an Interpretation gereiht wird, eine unendliche Anzahl von Deutungen wird unausgesprochen bleiben, solange keine Maschine, sondern ein fühlendes Wesen spricht. Symbole werden so zu einem „Feld der ungenannten Möglichkeiten“, ein offenes System mit unschätzbarem Wert. Oder, um es mit den Worten Antonin Artauds zu sagen:

Jedes echte Gefühl ist in Wirklichkeit unübersetzbar. Es ausdrücken, heißt, es verraten. Aber es übersetzen heißt, es verheimlichen. Echter Ausdruck verbirgt, was er äußert. [...] Darum haben ein Bild, eine Allegorie, eine Figur, die maskieren, was sie enthüllen möchten, größere Bedeutung für den Geist als die Klarheiten, die durch die Analysen des Wortes bewirkt werden. (Artaud, Antonin, „Orientalisches und abendländisches Theater“, in: Das Theater und sein Double, Übs. Gerd Henniger, Frankfurt am Main, Fischer Verlag, 1969, S. 76-77)

Nach meinem Verständnis ist der in BILDBESCHREIBUNG betriebene Vorgang der permanenten Übermalung bzw. Interpretation scheinbar bekannter Formen, Themen, Inhalte Teil der freimaurerischen Arbeit in den Logen. Und so wie BILDBESCHREIBUNG kein eigentliches Ende hat, darf auch die Arbeit in den Freimaurerlogen niemals zu Ende sein, wer ODER WAS fragt nach dem Bild, IM SPIEGEL WOHNEN, durch die permanente Arbeit heimisch werden in der Reflexion über sich und die Welt. Symbole sind dabei hilfreich, wenn sie durch immerwährende Übermalung vor musealer Starre bewahrt werden, was diesen „Klassikern“ Wirkung verleiht und erst jenen Widerstand erzeugt, welcher sie lebendig werden lässt, der sie individualisiert, den Bezug zum Subjekt, zum Betrachter, zum Interpretierenden herstellt, nicht absolut und konkret, sondern in etwa so genau wie ein Traum.