Jürgen Kober

Humor ist, wenn man ....


Ältere Illustrierte und Zeitschriften hatten früher eine Ecke für Kindermund, Militärhumoresken, Schwiegermutterwitze und ähnlich Bärtiges. Darüber stand zumeist "Humor", obwohl es ehrlich und treffender "Witzecke" hätte heißen müssen. Denn gerade mit Humor hatten diese flachen Scherze nichts zu tun.

Genauso wenig hat es mit Humor zu tun, wenn sich etwa Onkel Emil neben die Bowle setzt und dabei seinen ewig gleichen Spruch anbringt: "An der Quelle saß der Knabe!" Onkel Emil ist einfach ein übler Zitaterich.

Wo aber findet sich nun wirklich echter Humor und worin besteht er? Hier gilt's zu unterscheiden, sagt Lessing. Denn der Sprachgebrauch des täglichen Lebens verwechselt dauernd die Begriffe: Humor, Witz, Fröhlichkeit, Ironie, Satire, Spott, Lustiges - das geht bunt durcheinander. Daher möchte ich vor allem klarstellen: Unter Humor verstehe ich eine menschliche Eigenschaft, ja noch mehr - eine Haltung; nicht aber eine gelegentlich verwendete Ausdrucksform, Humor hat man - oder nicht. Witze macht man - gelegentlich. Humor hat man immer - oder nie.

Was aber ist er denn nun, der Humor, worin besteht er? Wenden wir uns zunächst an Wilhelm Busch, den man ja den Altmeister des deutschen Humors zu nennen pflegt. Wegen Max und Moritz? Wegen Tobias Knopp? Wohl kaum. Dagegen möchte ich aus der "Kritik des Herzens" jenes Gedicht zitieren, in dem ein Vogel auf dem Leim gefangen sitzt und den Kater heranschleichen sieht:

"Der Vogel denkt, weil das so ist,
und weil mich doch der Kater frißt,
so will ich keine Zeit verlieren,
und noch ein wenig quinquilieren
und lustig pfeifen wie zuvor.
Der Vogel, scheint mir, hat Humor."


Hiernach können wir vielleicht schon festhalten, daß Humor offenbar etwas Ernstes ist. Es verträgt allenfalls ein ganz leises Lächeln, das nichts zu tun hat mit Belustigtsein, wohl aber mit Not und Angst der Kreatur.

Einer, der viel über die Problematik des Humors nachgedacht hat, ist Kurt Tucholsky. Er schreibt zum 50. Geburtstag Hermann Hesses, als dieser gerade den Steppenwolf geschrieben hatte:

"Was fehlt aber Hesse, was fehlt dem "deutschen Menschen", das ihn so unleidlich macht, das seine Vorzüge aufhebt, seine Fehler verdoppelt? Was fehlt ihnen?
Hesse hat keinen Humor. Der deutsche Mensch, der da, den ich meine: er hat keinen Humor. Hätte er ihn, er wäre so nicht. Das Wort liegt in falschen Schiebkästen - ich will es schnell herausholen. Humor hat fast gar nichts mit Witz zu tun - noch weniger mit dieser schrecklichen Kneipenseligkeit, die man als "deutschen Humor" ausschenkt. Wenn ich mein Latein nicht ganz vergessen habe, hängt die Urbedeutung des Wortes mit dem Begriff "Feuchtigkeit" zusammen. Sie sind trocken - trocken sind sie.
Humor hat er nicht. Humor: zu wissen, daß es, nachdem man tapfer gewesen ist, alles nicht so schlimm ist. Humor: zu fühlen, daß es von oben reichlich unsinnig aussieht, was wir hier aufführen. Und dennoch zu seiner Sache stehen. Und abends um neun, wenn alles fertig ist, zu wissen: Es lohnt sich kaum - aber man muß ran."


Soweit Tucholsky. Und nun können wir auch schon feststellen, was Humor jedenfalls nicht ist: Der Kampf für irgendeine Ideologie, das Reiten von Prinzipien, jegliches Pathos, die Unfähigkeit, wenn es nottut, fünf gerade sein zu lassen, die Neigung, die Bedeutung der eigenen Persönlichkeit zu überschätzen.

Leider hat der Angriff Tucholskys gegen Hesse etwas Fatales: Entweder hat er den Steppenwolf nicht gelesen oder er meint, hier schreibe einer über Humor, der selbst keinen hat. Tatsache ist, daß der Steppenwolf ein einziges großes Lob des Humors ist als Trost und Heilmittel für alle Zerrissenen, Verzweifelten und Selbstmordkandidaten. Ich muß mich auf wenige Sätze beschränken:

"Einzig der Humor, die herrliche Erfindung der beinahe Tragischen, der höchst begabten Unglücklichen, einzig der Humor (vielleicht die eigenste und genialste Leistung des Menschtums) vollbringt dies Unmögliche, überzieht und vereinigt alle Bezirke des Menschenwesens mit den Strahlungen seiner Prismen. In der Welt zu leben, als sei es nicht die Welt, das Gesetz zu achten und doch über ihm zu stehen, zu besitzen, als besäße man nicht, zu verzichten, als sei es kein Verzicht - alle diese beliebten und oft formulierten Forderungen einer hohen Lebensweisheit ist einzig der Humor zu verwirklichen fähig."


Ferner möchte ich aus dem abschließenden Gespräch des Steppenwolfs Harry mit Meister Mozart die entscheidenden Sätze anführen:

"Das ganze Leben ist so, mein Kleiner, und wir müssen es so sein lassen, und wenn wir keine Esel sind, lachen wir dazu. Lernen Sie ernstnehmen, was des Ernstnehmens wert ist, und lachen über das andere. Wie pathetisch Sie immer sind! Aber Sie werden schon nach Humor lernen, Harry. Humor ist immer Galgenhumor, und nötigenfalls lernen sie ihn eben am Galgen. Sie sind ungewöhnlich schwach begabt, aber so allmählich werden Sie nun doch begriffen haben, was von Ihnen verlangt wird. Sie sollen lachen lernen, das wird von Ihnen verlangt. Sie sollen den Humor des Lebens, den Galgenhumor dieses Lebens erfassen. Mit Pathetik und den Totschlägen soll es jetzt ein Ende haben. Nehmen Sie endlich Vernunft an. Sie sollen leben, und Sie sollen das Lachen lernen. Sie sollen die verfluchte Radiomusik des Lebens anhören lernen, sollen den Geist hinter ihr verehren, sollen über den Klimbim in ihr lachen lernen."


Das also ist es, was Hermann Hesse geschrieben hat. Und dieser Dichter soll keinen Humor besitzen? Obwohl er doch seine segensreichen Wirkungen so eindringlich beschworen hat?

Und nun zu Goethe! Auch er ist unbedingt ein Sachverständiger ersten Ranges. Das beweisen allein die zahlreichen Nuancen des Humors, vom gröbsten bis zum feinsten, im Faust. Er äußert sich ungemein prägnant und etwas abweisend, wenn er sagt:

"Ich liebe mir den heitern Mann
von allen meinen Gästen,
wer sich nicht selbst zum besten haben kann,
der ist gewiß nicht von den Besten!"


Ganz leise aber - und dennoch unüberhörbar - hören wir durch die Jahrhunderte die Stimme des Cherubinischen Wandersmannes Angelus Silesius:

"Ich bin - ich weiß nicht wer,
ich komme - weiß nicht woher,
ich gehe - weiß nicht wohin:
Mich wundert, daß ich so fröhlich bin?!"


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