Vorbemerkung:

Den Schwestern, so werden die Ehefrauen bzw. Lebensgefährtinnen der Brüder genannt, bleiben in den maskulinen Logen nur die rituellen Arbeiten und die internen Beratungen verschlossen. Sie werden im Rahmen der Geselligkeit zu Vorträgen eingeladen und nehmen so direkt und indirekt am freimaurerischen Leben ihres Mannes aktiv teil. Auf eigenen Wunsch bekommen sie innerhalb entsprechender Veranstaltungen auch die Möglichkeit, selbst einen Beitrag zum geistigen Leben der Loge beizusteuern, wie der nachfolgende Vortrag zeigt.



Sr. Judith

Über das Geheimnis

Das Geheimnis brauchte kein Geheimnis zu sein, wäre es nicht zu einem Geheimnis gemacht worden. Die Mächtigen, also Religion und Politik, hatten und haben aus ihrer Sicht ein starkes Interesse daran, die Wahrheit im Dunkeln zu halten. Das Ziel der Freimaurer ist die innere Wandlung, um Vollkommenheit anzustreben. Der dabei zurückgelegte Weg beinhaltet ständige Selbstreflexion und die Auseinandersetzung mit den Werten der Gesellschaft. Dies hat zur Folge, daß die Ziele der Freimaurer mit denen der Herrschenden kollidieren können. Einer nicht einschätzbaren Gefahr tritt man am besten entgegen, indem man diese mystifiziert, diffamiert und instinktreduziert. Ein gutes Beispiel hierfür ist die psychologisch perfekte Inszenierung der jüdischen Rassenlehre Adolf Hitlers. Dadurch wird die nicht einschätzbare Gefahr zum Bösen schlechthin. Eine Masse, in die ein solches Feindbild introjiziert wird, ist leichter manipulierbar.

Freimaurerei wird oft als Geheimbund oder Geheimorganisation bezeichnet. Die Brüder verbindet ein kollektives Geheimnis mit eigenen Ritualen, eigener Sprache, eigenen Symbolen. Dieses wird getragen von der gemeinsamen Idee, der Humanität zu dienen, emotionale und geistige Toleranz zu üben, globale Gedanken zuzulassen, sich mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen auseinanderzusetzen und somit durch die Interaktion von freudigem Geben und dankbarem Nehmen jeden Bruder auf seinem individuellen Weg zur Vollkommenheit weiterzubringen. Dieser gemeinsame Prozeß und das damit verbundene Erleben intellektueller Befruchtung sowie emotionaler Akzeptanz und Geborgenheit ist vielleicht das Geheimnis eurer Bruderschaft.

Abschließen möchte ich die Betrachtung des kollektiven Geheimnisses mit folgendem Zitat aus Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose": "Als der blinde Abt den recherchierenden William von Baskerville fragt: "Was wollt ihr eigentlich?" Baskerville antwortet: "Ich will das griechische Buch, von dem Ihr sagt, daß es nie geschrieben wurde. Ein Buch, das sich ausschließlich mit der Komödie beschäftigt, die Ihr ebenso haßt wie das Lachen. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um das einzige erhaltene Exemplar des zweiten Buches der Poetik des Aristoteles. Es gibt viele Bücher, die die Komödie behandeln, warum ist gerade dieses Buch so gefährlich?" Und der Abt antwortet: "Weil es von Aristoteles ist!" Baskerville: "Was ist so beunruhigend daran, wenn Menschen lachen?" Der Abt: "Lachen tötet die Furcht, und ohne Furcht kann es keinen Glauben geben. Wer keine Furcht vor dem Teufel hat, der braucht auch keinen Gott mehr."

Etwas ausführlicher möchte ich das individuelle oder intrapersonelle Geheimnis beleuchten. Im zwischenmenschlichen Bereich stoßen wir auf vielerlei Geheimnisse ganz persönlicher Art. Die sogenannten Kuckuckskinder sind mit 10% weltweit nicht von dem Mann, mit dem die Frau in enger Beziehung lebt. Dieses Geheimnis nehmen die Frauen mit ins Grab. Oder man nehme den Seitensprung innerhalb einer Ehe.

Wir können geheime Absprachen mit uns selber treffen, welche die Interaktion zweier Ehepartner bestimmen. So spricht man in der Psychologie von der neurotischen Partnerwahl. Dies bedeutet, daß man den Partner unbewußt so auswählt, daß er eigene Defizite ausgleicht, Bereiche eigener Angst abdeckt und den Teil lebt, der dem anderen Partner nicht gelingt zu leben. Solange dieses unbewußt hergestellte Gleichgewicht nicht aus der Balance gerät, kann die Ehe oder Partnerschaft funktionieren. Treten jedoch Störfaktoren von innen oder außen auf, kann aus einer scheinbar harmonischen Partnerschaft eine neurotische Kollusion entstehen.

Es gibt jedoch auch Geheimnisse, die wir nicht selber zu solchen deklariert haben, sondern die für uns zu solchen gemacht wurden. Diese Spezies von Geheimhaltung kann tödlich enden. Dies möchte ich anhand eines Beispieles konkretisieren: Wie wir wissen, ist die sexuelle Mißhandlung bei Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren mehr in unser kollektives Bewußtsein gerückt. Wir werden durch die Medien detailliert über diese Verbrechen informiert. Es findet eine öffentliche Auseinandersetzung statt, wie wir mit Sexualtätern umgehen sollten: Das Bombardement an Informationen und Aufklärung als Schrei hilfloser Helfer und ohnmächtiger Justiz.

Ein Kind, das voller Vertrauen diese Welt entdecken will und muß, ist auf den Schutz seiner Familie angewiesen. Es vertraut den Erwachsenen, wird geschützt vor Gefahren, geliebt und behütet, so daß es allmählich innerlich wachsen kann. Dieses bedingungslose Vertrauen zu seinen positiven Bezugsobjekten wird zutiefst erschüttert, wenn das Kind Gewalt erfährt.

Angst, Panik, Schmerz, die Ohnmacht und das immer wiederkehrende Gefühl des Ausgeliefertseins werden zum Alltag. Das Fatale ist, daß all diese Gefühle des Schreckens von einem Menschen introjiziert werden, dem das Kind Vertrauen und Zuneigung entgegenbrachte, wie z.B. Vater, Mutter, Onkel, Verwandte oder Nachbarn. Und daß diese bekannte, vertraute und geliebte Person zur bedrohlichsten Fratze des Schreckens wird, bevor sie wieder zum Alltagsgeschehen übergeht. So werden Täter und Opfer unter dem Vorzeichen ihres gemeinsamen Geheimnisses zu Verbündeten. Für das Opfer ist das Schreckliche nicht schrecklich, der Ekel nicht eklig, die Angst nicht wichtig, der Schmerz nicht wirklich, die Ohnmacht entmachtet, denn die Fratze flüstert jedes Mal drohend: "Das ist und bleibt unser Geheimnis! Du erzählst es niemandem!". Dieses Geheimnis macht das Opfer zum einsamsten Menschen auf der Welt. Um zu überleben, bleiben oft radikale oder pathologische Wege: Der Suizid als Selbsterlösung, die psychische Erkrankung als da wären Anorexia Nervosa, Bulimie, Borderlinestörung, Multiple Persönlichkeit, Suchterkrankungen, Psychosen, Depressionen und psychosomatische Erkrankungen, Multiple Sklerose, verschiedene Krebserkrankungen, chronische Rückenschmerzen, Migräne und vieles mehr. Bei all diesen Störungen hat die Selbstbestrafung einen hohen Stellenwert. Oftmals sind Patienten mit diesen aufgezählten Störungen über Jahre in Therapie - gesund werden können sie nie.

Die Autorin Alice Miller schreibt in ihrem Buch "Abbruch der Schweigemauer" über Frauen, die in ihrer Kindheit Gewalt erfahren, jedoch zum Schutze ihres Ichs eine Schweigemauer erbaut haben. "Die meisten dieser Frauen waren verheiratet, Mütter von mehreren Kindern, viele von ihnen hatte "Therapien" hinter sich, aber weder mit dem Ehemann noch mit dem Therapeuten wagten sie über das Trauma ihrer Kindheit zu sprechen. Das, was ihr ganzes Leben prägte, sie in der Phantasie weiter bedrohte, vergiftete, mußte so lange und so gründlich verschwiegen werden, weil sie in ihrer ganzen Umgebung offenbar keinen wissenden Zeugen fanden, der ihnen zumindest eine teilweise Befreiung von diesem isolierenden Geheimnis ermöglicht hätte."

Die Autorin schreibt weiter, daß die Psychoanalyse 1897 durch Sigmund Freud als Lehre und Therapie entstand, die Kindesmißhandlung als zu therapierendes Problem eliminierte. Sie nennt es "Freuds Verrat an der Wahrheit". Einzig weil Freud die Wahrheit über seine eigene Kindheit nicht ertrug und sich damit nicht konfrontieren wollte: Die Wahrheit über Kindesmißhandlungen wurde daher tabuisiert, es durfte weder Thema von Lehre und Forschung sein noch Inhalt in einem therapeutischen Setting. Alice Miller beschreibt an einem Fallbeispiel, wie eine vierzigjährige Frau Zeuge wird, wie ihr Mann ihre zwölfjährige Tochter sexuell missbraucht. Voller Sorge schickt die Mutter ihre Tochter zu ihrer Psychoanalytikerin, bei der sie selbst seit acht Jahren in Therapie ist. Das Kind kommt völlig verstört nach Hause mit den Worten: "Ich will nie wieder zu dieser Frau. Sie sagte, es sei nicht so schlimm, daß ich solche Dinge phantasiere; Kinder würden verschiedene Geschichten erfinden, das sei normal, aber ich müsse mit ihr herausfinden, warum ich Papa Schwierigkeiten machen wolle. Ich habe Angst vor ihr." Mit Hilfe der Frauenbewegung und dem intensiven Problembewußtsein in der Medizin und der Gesellschaft hat sich ein hohes Maß an Sensibilität für das Thema Kindesmißhandlungen entwickelt. Auch ist die sexuelle Misshandlung nur ein Teil der Gewalt an Kindern.

Ich habe in meiner Arbeit zu einem hohen Prozentsatz mit Menschen zu tun, deren Mißhandlungen in ihrer Kindheit ihren Lebensweg bestimmen und sie in die psychische Erkrankung geführt haben. Manchmal ahnen wir, welches Geheimnis in der Tiefe des Unbewußten schlummert, sie z.B. nicht essen läßt oder dazu führt, sich selber zu zerstören. So kommt es oftmals zu Krisen und Zusammenbrüchen, die wir mit dem Begriff der Psychose diagnostizieren und beschreiben. In der Psychose geht es um Wahrheit. Das Ver-Rückt-Sein ist eine Art Selbstrettung des Gehirns. Das Geheimnis wird öffentlich in einer anderen Welt.

Dies gilt auch für euch Freimaurer. Das Geheimnis der Brüder ist die Zelebrierung des Erlebens positiver geistiger und emotionaler Intelligenz im Tempel, also außerhalb der profanen Welt. Denn dort findet ihr, meine lieben Brüder Freimaurer, den Raum und den Schutz, die im Geheimen wütenden zerstörerischen Mächte im Menschen mit den Mitteln der Toleranz, der Brüderlichkeit und dem Streben zur Vollkommenheit in positive Energien freizusetzen.



Literatur:

  • Freud, Sigmund: Abriß der Psychoanalyse. Das Unbehagen in der Kultur, Fischer Bücherei
  • Lohmann, Hans-Martin: Psychoanalyse und Nationalsozialismus. Beiträge zur Bearbeitung eines unbewältigten Traumas, Fischer Taschenbuch Verlag
  • Miller, Alice: Abbruch der Schweigemauer, Hoffmann & Kampe
  • Van Helsing, Jan: Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert, Ewert Verlag
  • Wendling, Peter: Logen, Klubs und Zirkel. Die diskrete Macht geheimer Bünde, Orbis Verlag