Alfons Wachtelaer

Elite

Der Brockhaus definiert den Begriff "Elite" wie folgt: Das Wort "Elite" stammt aus dem Lateinischen "eligere" und bedeutet "Auslese". Die Literatur badet sich förmlich in einer Auseinandersetzung mit den zahlreichen Gruppen, die zur Elite gehören, sei es in der Politik, in der Kunst, in der Wissenschaft oder anderer Gruppen mehr. Man kann daraus schließen, daß ein elitärer Mensch ein Auserlesener ist. Er ist ein Auserlesener aus einer bestimmten Gruppe. Der Beste in seiner Klasse, der Beste in einer bestimmten Sportart. Der Beste also unter seinesgleichen, der "Primus inter Pares".

Elite besteht infolgedessen aus den Besten eines Tätigkeitsgebietes. Dieses Tätigkeitsgebiet braucht nicht immer positiv zur Tugend zu stehen. Es gibt auch eine negative Auslese, so der beste Tresorknacker, der beste Anführer einer Terroristenbande. Es gibt auch elitäre Gruppen, z. B. die Mitglieder der Academie Francaise, die Ritter des Hosenbandordens in England, Elite-Truppen und viele andere Gruppen mehr in der Gesellschaft.

Die Frage, die ich mir gestellt habe, war nicht, wer nun zur Elite zählt, sondern welche Bedingungen man erfüllen muß, um zur Elite zu gehören, und ob wir Freimaurer auch dazu gehören. Die Elite, die wir unter die Lupe nehmen wollen, ist natürlich die Elite der Vernunft und des Geistes.

Zuerst möchte ich unbedarft gegen die heiligen Gepflogenheiten der Philosophie verstoßen, indem ich, wenn ich das Wort Elite deuten möchte, es immer wieder um eine Nuance sublimiere. Ich denke dann an "auserwählt" und "auserkoren", aber wahrscheinlich sind diese Adjektive Monopole der biblischen Geschichte. Um nun zu einer klareren Deutung zu gelangen, müssen wir eine kleine Reise in die Gedankenwelt des Ortega y Gasset unternehmen. Die Gesellschaft ist eine Welt von interindividuellen Beziehungen. Und wenn wir sie genauer betrachten, kommen wir zu dem Schluß, daß sie auf Bräuchen, nicht zu verwechseln mit Riten, also auf Bräuchen fundiert ist. Bräuche sind Formen menschlichen Verhaltens. Wir übernehmen sie und wir vollziehen sie. Wir sind, wenn wir uns in der Gesellschaft assimilieren und behaupten wollen, gezwungen, diese Bräuche anzunehmen. Tun wir es nicht, dann würde unser Lebensweg erheblich belastet werden. Bräuche sind somit Handlungen, die wir unter gesellschaftlichem Druck ausführen.

Die Bräuche sind daher mechanisch wirkende Nötigungen und de facto irrational. Da nun die Gesellschaft durch Bräuche zusammengefügt ist, ist auch die Gesellschaft irrational. Die Gesellschaft jedoch ist es, die uns unmittelbar beeinflußt, und wir können uns dieser Beeinflussung nicht entziehne, weil wir existentiell von ihr abhängig sind. Wenn wir nun nach den Bräuchen der Gesellschaft handeln, so verhalten wir uns wie Automaten und leben auf Verantwortung eben der Gesellschaft oder des Kollektivs. Die Bräuche der Gesellschaft haben auf das Individuum eine sehr ausgeprägte und wichtige Einwirkung. Sie sind Grundschemen des Verhaltens, dank denen wir das Benehmen von unbekannten Individuen vorauszusehen vermögen. Sie ermöglichen erst das menschliche Zusammenleben, auch mit Fremden.

Die Gesellschaft nötigt uns, auf der Höhe der Zeit zu bleiben; zum Fortschritt ist sie Ansporn, weil sie die Vergangenheit speichert. Die Quintessenz all dieser Feststellungen ist wie folgt zusammenzufassen: Indem nun die Bräuche das Verhalten der Person zu einem großen Teil mechanisieren und indem sie ein fertiges Programm fast aller auszuführenden Handlungen liefern, erlauben sie uns, unser persönliches und wahrhaft menschliches Leben in bestimmter Richtung zu konzentrieren, was dem Individuum sonst unmöglich wäre. Die Gesellschaft versetzt den Menschen der Zukunft gegenüber in einen gewissen Stand der Unabhängigkeit und ermöglicht ihm, das Neue, das Rationale und das Vollkommenere zu schaffen. Wir ersehen hieraus, daß der Mensch in der Gesellschaft zwei Hauptwege gehen kann. Entweder benutzt er die Handlungsfreiheit, die ihm die Gesellschaft bietet, oder er begnügt sich gemächlich mit dem mechanischen Ausüben der gesellschaftlichen Bräuche.

Um den ersten Weg, der zur Elite führt, zu verdeutlichen, muß ich zuerst den zweiten vor Augen führen. Die Fähigkeit nachzudenken ist das wesentliche Merkmal, das uns vom Tier unterscheidet. Wir erkennen es nirgends besser als vor dem Käfig unseres Vetters, dem Affen. Wenn wir das Affentheater eine Weile in passiver Ruhe eingehend betrachten, merken wir, daß dieses Tier von einer fortwährenden Unruhe besessen ist. Dauernd wittert es Gefahren, die ihn von außenher bedrohen könnten. Fortdauernd ist seine Begierde nach Dingen, die es in der Welt gibt oder die in ihr erscheinen. Es sind Objekte und Ereignisse der Umwelt, die das Leben des Tieres beherrschen und es wie eine Marionette hin- und herziehen.

Es beherrscht sein Dasein nicht aus sich selbst, sondern es ist immer aufmerksam auf das, was außerhalb von ihm vorgeht, auf das andere! Wir schließen hieraus, daß das Tier nicht aus sich selbst lebt, sondern aus dem andern geführt wird, es lebt außer-sich, sich selbst entfremdend. Bei den Tieren ist diese Selbstentfremdung vollkommen normal, weil diese Lebewesen über ein Denkvermögen nicht verfügen. Bei den Tieren resultieren die Handlungen zum größten Teil aus Reflexen und zum anderen Teil aus dem sogenannten Instinkt heraus. In diesem Zusammenhang darf nicht vergessen werden, daß das Denken dem Menschen nicht einfach geschenkt wurde. Das Denken ist eine mühevolle, unsichere und flüchtige Erwerbung. In Wahrheit ist der Mensch nicht wie von Linné im 18. Jahrhundert als "Homo Sapiens", als weise oder verständig, zu sehen, sondern eher als "Homo Insciens oder Insipiens"; als nicht wissend und unverständig, zu bezeichnen.

Warum würden wir studieren, wenn wir wissend wären? Warum würden wir noch Fragen stellen, wenn wir alles verstehen würden? Die Anwort kann nur lauten: Weil wir nur glauben zu wissen und in Wirklichkeit aber nur nach Wissen suchen und zu verstehen versuchen. Die meisten Menschen lassen sich ausschließlich von den gesellschaftlichen Begebenheiten beeinflussen, ohne sie zu verarbeiten, ohne über sie nachzudenken. Sie lagern diese Informationen in ihrem Koordinatensystem und warten auf weitere Eindrücke, auf Modelle für ihre neue Kollektion. Man kann die Menschen einteilen in solche, die viel von sich fordern und andere, die nichts Besonderes von sich verlangen; die sich begnügen, von einem Augenblick zum anderen zu bleiben, was sie schon sind - "Bojen, die im Winde treiben". Das Schlimme dabei ist, daß diese im Winde treibenden Bojen fest davon überzeugt sind, daß sie das Meer beherrschen, weil sie nicht untergehen und oft auf der Spitze der Wogen treiben. Wenn diese Menschen ein Buch zur Hand nehmen, tun sie dieses nicht um des Wissens willen, sondern nur um den Schriftsteller abzuurteilen, sobald er nicht mit ihren Plattheiten übereinstimmt. Stammtischweisheiten möchten sie durchdrücken und womöglich mit Gesetzeskraft ausstatten. Diese Menschen empfinden sich als vollkommen. Sie zweifeln keinen Augenblick an ihrer Gottähnlichkeit. Ihr Selbstvertrauen ist einfach paradiesisch. Es hindert sie aber daran, sich mit anderen zu vergleichen, was die erste Bedingung für die Entdeckung ihrer Unzulänglichkeit wäre.

Wie jene Insekten, die man auf keine Weise aus ihren Löchern ausräuchern kann, so läßt der Dumme sich nicht aus seiner Dummheit werfen. Es ist unmöglich, ihn ein Weilchen ohne Scheuklappen umherzuführen. Anatole France meinte dazu: Dummheit ist verhängnisvoller als Bosheit; denn Bosheit setzt manchmal aus, Dummheit nie. Nun, die Behauptung, der Massenmensch sei dumm, ist zumindest unkorrekt. Der Gegenwärtige ist gescheiter als irgendeiner in der Vergangenheit. Er hat größere intellektuelle Fähigkeiten als je zu vor. Aber diese Fähigkeiten helfen ihm in seiner geistigen Genügsamkeit nicht. Den Wust an Gemeinplätzen, Vorurteilen, Gedankenfetzen, den der Zufall in ihm angehäuft hat, spricht er ein für allemal heilig, und probiert mit Unverfrorenheit, diesen Unwerten Geltung zu verschaffen. Dieser Mensch glaubt nicht, daß er Außerordentlich und nicht gewöhnlich sei! Im Gegenteil; er nimmt sich das Recht auf Gewöhnlichkeit und proklamiert die Gewöhnlichkeit als Recht. Nichts in der Gegenwart ist so neu und unvergleichbar mit irgendeinem Geschehen der Vergangenheit wie die Herrschaft, die der geistige Plebs im öffentlichen Leben ausübt. Heute hat der Durchschnittsmensch die deutlichsten Vorstellungen von allem, was in der Welt geschieht und zu geschehen hat. Dadurch ist ihm der Gebrauch des Gehörs abhanden gekommen. Wozu hören, wenn er schon alles, was not tut, weiß? Es gibt kein Geschehen, keine schöne Idee, keine wertvolle Leistung, die von ihm nicht zerrissen und verteufelt wird, wenn sie nicht der niedrigen Sphäre seiner Kurzsichtigkeit entsprechen. Die Realitäten sieht er nicht. Wie ein genialer Blinder erfaßt er nur die Konturen, und die von ihm gefundenen Lösungen lahmen schon bei ihrer Enstehung. Wie geht es mein Lieber? fragt der Blinde den Lahmen. Und der Lahme antwortet: Wie sie sehen, mein Freund!

Aber kommen wir zum ersten Hauptweg, den wir Freimaurer, so glaube ich, beschreiten sollten. Das Individuum wird erst dann wirklich Mensch, wenn es sein Denkvermögen ausübt und seine Ideen nach den Spielregeln, die Wahrheit und Vernunft verlangen, hervorbringt. Es geht nicht an, von Ideen oder Meinungen zu sprechen, wenn man keine Instanz anerkennt, die über sie zu Gericht sitzt. Man muß Normen akzeptieren, auf welche man sich in der Diskussion berufen kann. Diese Normen sind die Grundlagen der Kultur. Es gibt keine Kultur ohne Normen, auf die wir zu jeder Zeit zurückgreifen können. Diese Normen sind die Prinzipien des bürgerlichen Rechts, die Ehrfurcht vor gewissen Grundrechten, die ästhetischen Polemiken, die ein Kunstwerk rechtfertigen, und die Vorurteilslosigkeit bei der Beurteilung der neuen Ideen. Wo diese fehlen, herrscht keine Kultur, sondern Barbarei. Und Barberei ist es, geben wir uns keiner Täuschung hin, die dank der zunehmenden Aufsässigkeit der Massen in Europa auszubrechen droht. Sogenannte Aussteiger bestehen darauf, das Recht zu haben, nicht Recht zu haben. Sie bieten Grundlosigkeit als Grund. Wir erleben eine Neuausgabe der "Action Directe", die um 19oo in Frankreich von den syndikalistischen und sogenannten realistischen Gruppen in Szene gesetzt wurde. Hausbesetzungen, Straßensperren, Belagerungen von Kasernen, Geiselnahmen und schließlich Mord kann man wohl als "direkte Aktion" bezeichnen. Dahin führt der zweite Weg, darum brauchen wir den ersten Weg, der Weg der Aktiven, der positiven Elite; er soll die totale Zerrüttung der Nation verhüten.

Nun, um eine positive Elite zu bilden, egal welcher Art, ist es notwendig, daß sich zuvor jeder einzelne von der Masse trennt und einer Gruppe beitritt. Der Grund dieser Trennung und des Beitritts ist im allgemeinen das Übereinstimmen im NInichtübereinstimmen. Es bildet sich eine Gemeinschaft, deren verbindendes Element darin besteht, die Meinung der großen Massen nicht zu teilen.

Ich glaube, diesen Punkt kann die Freimaurerei auch für sich buchen. Auch wir üben eine edle Art des Nonkonformismus aus, auch wir bilden einen Gegenpol als Einsteiger gegen die Aussteiger. Auch wir haben die Forderung gestellt, mehr zu wollen und mehr zu tun als andere. Es spielt dabei keine Rolle, ob die Gruppe groß oder klein ist. Mallarmé, als er einmal von dem spärlichen Publikum sprach, daß einem erlesenen Musiker zuhörte, sagt mit Feinheit: "Jenes Publikum betone durch die kleine Zahl der Anwesenden die große Menge der Abwesenden...".

Das Leben ist eine fortdauernde Wandlung; sie endet erst mit dem Tode. Der Durchschnittsmensch vollzieht sie im Unterbewußten; der Strebende, der elitäre Mensch steuert sie bewußt, dem vorgezeichneten Ziel entgegen. Der geistig aktive Mensch, der das Risiko des Denkens nicht scheut und fortwährend nach Lösungen für die Probleme, die immer wieder im Leben auftauchen, sucht, ist für die Gesellschaft unentbehrlich. Er ist der Motor, er ist ihre Triebkraft, er ist der Richtungsweisende, der voranleuchtet. Er gehört zur Elite des Geistes und der Vernunft. Ein Volk, das diese Elite nicht besitzt, ist blind.

Ein Unheil ist schwer zu neutralisieren, wenn es bereits wirksam ist. Ein Unheil soll vor seiner Entstehung aufgespürt und im Keime erstickt werden. Dafür brauchen wir nicht nur Menschen, die nachdenken, sondern vor allem Menschen, die Vordenken. Die persönliche Selbstentfremdung sollte nicht beim Menschen, sondern nur bei den Tieren stattfinden, weil es ihrer Natur entspricht. Der allgemeine Identitätsverlust sollte endlich zum Stehen gebracht werden.

Kann die Freimaurerei hierbei behilflich sein oder kann sie auch nur den eigenen Bauchnabel behaglich betrachten? Ich glaube, sie kann helfen, indem sie ihre Mitglieder aufrüttelt und sie mit den auf uns zukommenden Problemen konfrontiert. Einige Exponenten werden sich dann bestimmt herauskristallisieren und außerhalb des Tempels nachhaltig wirken. Viele Gegebenheiten in der Weltgeschichte, sei es in Frankreich, England oder Amerika, wurden von Freimaurern inspiriert.

Es bleibt noch immer die Frage zu beantworten, ob der Freimaurer nun zu einer Elite gehört oder nicht. Daraufhin möchte ich zunächst eine andere Frage stellen. Wer bestimmt eigentlich, wer zur Elite gehört oder nicht? Beim Sport ist es die sichtbare Superleistung, bei den langen Kerls die körperliche Größe. Wir aber sprechen von einer Elite des Geistes und der Vernunft. Es wäre doch verwunderlich, wenn der Suchende bei der Aufnahme nun plötzlich zur Elite gehören würde. Nein, meine Brüder, er wird nur ein Gleicher unter Gleichen. Er bekommt aber die freimaurerischen Hilfsmittel, die er zur Selbsterkenntnis, also gegen die Selbstentfremdung, unbedingt braucht. Er hat sich von der Masse getrennt und ist einer Gruppe beigetreten. Nun soll er als Lehrling die Hilfsmittel kennenlernen, als Geselle soll er bereits damit arbeiten, und als Meister soll er die Wirkung auf andere ausstrahlen lassen. So sehe ich, aus meiner Warte heraus, die Aufgabe eines Freimaurers, wobei die bewußte Steuerung der Wandlung die "conditio sine qua non", die Bedingung, ohne welche es nicht gelingt, ist. Willenskraft, Hunger nach Wissen, Aufrichtigkeit, Toleranz und ein vorbildlicher Lebenswandel sind dabei unentbehrlich. Wenn wir nun alle diese Bedingungen erfüllen, sind wir dann elitär, gehören wir dann zur Elite? Meine lieben Brüder, brauchen wir diesen Titel? Wenn ja, so nehme ihn jeder, aber jeder für sich, auf eigene Verantwortung. Ich persönlich strebe weiterhin zum Titel "Freimaurer" und als Sublimierung zum Titel "Mensch"!