H. R.

Im Dunkel Licht
oder
Aufklärung und das Geheimnis der Freimaurerei

In meiner Zeichnung möchte ich ein Thema aufgreifen, das für unsere heutige Gesellschaftsform, für unser Denken und unsere Weltauffassung noch ebenso konstitutiv ist wie ehedem: die Aufklärung und ihre verkürzte Form, die Rationalität. Ich will dies, wie es andere, berufenere Köpfe schon mit Beginn der Aufklärung getan haben, mit kritischen freimaurerischen Augen tun.

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Wir sind geneigt, in der Aufklärung, jener umfassenden Bewegung im 18. Jh., den wohl hellsten Ausdruck der Befreiung von unbegriffenen Mächten zu sehen. In der Tat ist die "allgemeine Verbreitung des Lichts der Rationalität", wie Bubner 1989 ausführt, eine epochale Leistung. Namentlich wir, die wir uns Freimaurer nennen, halten es unseren Altvorderen in dieser Zeit (Lessing, Herder, Ignaz von Born, um nur einige zu nennen) zugute, an dieser geschichtlich wohl einmaligen Großtat mitgewirkt zu haben.

Die Freimaurer dieser Zeit konnten sich auf Kant abstützen, der bis heute der wohl bedeutendste Philosoph der Freimaurerei ist, obwohl er dem Bund nicht angehörte. Kant lehrte, daß man nur dem Zuge des Verstandes folgen solle; alle Lebensformen sollten mit Vernunft durchdrungen werden. Die Aufklärung hatte das Ziel, dem Verstand gegenüber dem Gefühl zum Recht zu verhelfen, die Vernunft zu emanzipieren (= befreien), den blinden Autoritätsglauben zu beseitigen und alle Gebiete des Lebens aufgrund rationaler Einsicht zu bewerten und zu gestalten.

Dieser Denkansatz ist bis in unsere heutige Zeit - und gerade hier - in vollem Maße wirksam. Uns, die wir uns als Angehörige eines demokratischen Gemeinwesens begreifen, erscheint die Forderung nach Vernunft und nach Mündigkeit in der Benutzung unseres Verstandes geradezu selbstverständlich. Demokratie beruht schließlich auf der Willensbildung des einzelnen etwa bei der repräsentativen Wahl, aber auch bei allen individuellen Entscheidungen in Beruf, Familie und sozialer Gemeinschaft. Soll hierbei nicht Unvernunft resultieren, sind Fähigkeit und Mut jedes einzelnen vorausgesetzt, sich seines Verstandes ohne Anleitung durch andere zu bedienen. Insofern Aufklärung dieses Ziel verfolgt, bringt sie Licht in das unbegriffene Wirken, ist sie Notwendigkeit und Gewinn zugleich.

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Meine erste These hierzu lautet nun, daß die Aufklärung keineswegs ein vollständiger Gewinn war, sondern den Verlust zugleich mitlieferte: Das Licht der Rationalität, das sie brachte, ließ zugleich die Ethik im Schatten stehen. Darauf hat bereits Rousseau hingewiesen. Auch Kant, der "Alleszermalmer" - wie er auch genannt wurde in Anspielung auf sein Wirken im rationalistischen Sinn, hat bereits - obgleich Rationalist! - versucht, dem einseitigen Vernunftdenken durch seine "praktische Vernunft" einen willentlichen Riegel vorzuschieben: Der Mensch sei aus praktischen Vernunftgründen quasi gezwungen, Postulate und ethische Maximen aufzustellen und ihnen zu folgen. Kant wollte so den sittlichen Kräften, der Wechselliebe und der Achtung vor dem Gesetz zur Geltung verhelfen. Das moralische Handeln sah er sogar dort als vernünftig an, wo das niederträchtige gute Aussicht auf Erfolg hat und mithin aus zweckrationalen Gründen zu vollziehen ist.

Kants' "Entsetzen vor dem (möglichen) Rückfall in die Barbarei", wie es die deutschen Philosophen und Sozialforscher Horkheimer und Adorno 1946 unter dem Eindruck faschistischer Greuel in den USA formulierten, gründete in der Einsicht, daß die Rationalität, die Kant die "reine Vernunft" nennt, ohne eine willkürliche Steuerung und Begrenzung sich letztlich gegen das denkende Individuum, den Menschen selbst wenden könnte.

Die Herrschaft, welche die reine Vernunft ihrem inneren Gesetz nach über die Natur erringen wollte und zweifellos errungen hat, unterwirft sich auch den Menschen. "Die Menschen", so Adorno und Horkheimer in der >Dialektik der Aufklärung<, "bezahlen die Vermehrung ihrer Macht mit der Entfremdung von dem, worüber sie die Macht ausüben" und - so möchte ich hinzufügen - schließlich mit der Entfremdung von sich selbst, dem eigenen Selbst.

Diese Folge der Anwendung der Rationalität in ihrer totalen, "reinen" Form, auf welche die Aufklärung ebenso notwendig hintendierte, wird heute in der globalen Umwelt- und Weltzerstörung, der Sinnentleerung des Daseins - kurz in der ethischen Unterbelichtung der Hochzivilisation allenthalben sichtbar und spürbar. Mit diesem "wunden Punkt" unseres Daseins haben viele meiner Brüder sich in ihren Zeichnungen, die sie in diesem Tempel vorgetragen haben, auseinandergesetzt. Es ist offenbar nicht nur deshalb das freimaurerische Thema. Auch kommt es nach meinem Verständnis nicht von ungefähr, daß Freimaurerei und Aufklärung als "Zwillingspaare" im 18. Jh. geboren wurden. Kosellek meint, daß die Freimaurerei sogar prägend für dieses Zeitalter war.

Dafür gibt es gute Gründe. Freimaurer-Logen waren der einzige Ort, an dem die Bürger des absolutistischen Staates dem Herrschaftsanspruch desselben sich entziehen konnten. Nur scheinbar ist das Geheimnis der Freimaurer ein Gegensatz zur allseitigen Offenlegung, welche die Aufklärung betrieb: Das Logengeheimnis hatte eine den Staat, d. h. auch die Politik abweisende und zugleich nach innen schützende Funktion. Im Zusatzprotokoll der ersten Logengründung in Hamburg von 1731 heißt es: "Die Geheimnisse und das Schweigen (sind) die hauptsächlichen Mittel, um uns zu behaupten und uns den Genuß der Maurerei zu erhalten und zu bekräftigen."

Dies ging und geht nur durch die Trennung von Politik und Moral. Freimaurerei verstand sich von Anfang an als moralische Institution. Hier führt die Tugend das Szepter. Das freimaurerische Geheimnis schützt und umgrenzt den sozialen Raum der Logen, in dem sich die in und mit der Aufklärung "vergessene" Moral (oder besser: Ethik) im Einzelindividuum verwirklichen sollte.

Um dem Maurer das Licht der reinen Vernunft zu geben, hätte es keines Geheimnisses bedurft und bedürfte es heute auch nicht. Dies ist allein schon durch die allgemeine Aufklärung und die Wissenschaft leistbar. Nein - das Licht, das dem Maurer unter Ausschluß der Öffentlichkeit gegeben wird bei seiner Aufnahme, ist nicht das Licht der reinen Vernunft, sondern das Licht der Ethik.

Das Wissen um die Dialektik zwischen Moral und Politik, zwischen dem "unvermeidlichen Übel der Zweckrationalität" der schlechten Wirklichkeit und dem moralischen Handeln des Maurers ist das Geheimnis!

Indem Freimaurerei direkt und erklärt unpolitisch ist, aber der Moral den verbindlichen, vorschreibenden Wert zuerkennt, wird das "schlechte Allgemeine" des Staates - ja der gesamten gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht als letztgültige Wahrheit anerkannt und damit in gewissem Sinne abgelehnt. Diese politische Funktion des Maurergeheimnisses wird deutlich vor allem bei Lessing (Ernst und Falk). Lessing erkannte die Doppelbödigkeit des aufklärerischen Denkens. "Die Maurer", so Lessing in seinem Dialog, "breiten sich aus durch Taten, die ihr Geheimnis sind." Dadurch, daß sie geheim sind, sichern sich die Maurer ihre Unabhängigkeit. "To be a secret free" als einer geistigen Tatsache sichert sich in den Logen die Verwirklichung: In der sozialen Gleichheit der Brüder.

"Die Freiheit im Geheimen wird zum Geheimnis der Freiheit" (Kosellek). Es ist die geistige Freiheit im geheimen Innern, die sich hier entfalten soll. Das freimaurerische Licht leuchtet nicht um, sondern in den Maurer hinein. Sie fordert ihn in der Aufnahme auf: "Erkenne Dich selbst!" Dieser Verweis auf das eigene Selbst, diese Aufforderung zum Ernstnehmen der eigenen Subjektivität ist so alt wie aktuell. Der Wissenschaftsphilosoph Jonas schreibt in seinem Buch >Technik, Medizin und Ethik<: "Er (der Mensch) kann seine Werte nicht in einem objektiven Sein verankern, sondern muß sie aus seiner Subjektivität erzeugen und willkürlich setzen." Hier erkennen wir den Grundgedanken Kants' aus seiner "praktischen Vernunft" in veränderter Form wieder. Jonas betont weiter, daß das Individuum auf keinem festen Grund stehe, sondern sich gewissermaßen "am eigenen Zopf in die fiktive Sphäre der Werte emporziehen" müsse. Nach Sokrates ist Selbsterkenntnis die Vorbedingung der Sittlichkeit, Lessing nennt sie den Mittelpunkt, Kant den Anfang aller Weisheit.

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Damit schließt sich der Kreis meiner Betrachtung. Selbsterkenntnis führt zu Selbstbewußtsein, so hoffen wir Freimaurer doch. Und dieses Selbstbewußtsein war es einmal, das die Stimme der Vernunft am Anfang der Aufklärung erhob. Es stand am Anfang, ging aber in der Trostlosigkeit der rationalistischen Welt unter; sie schuf und schafft aber zugleich jene Verzweiflung, die zur Suche nach Sinn, zur Suche nach dem Selbst und zum Licht der Ethik aufbrechen läßt. Dies durfte und darf ich - und ich hoffe aus vollem Herzen - durftet und dürft auch ihr, liebe Brüder, erleben.

Noch ein letztes: Mündigkeit und die Erziehung hierzu werden in der Freimaurerei ohne den äußeren Zwang betrieben, das dem alltäglich-zweckbestimmten Handeln sonst eigen ist. Sie ist eine Herausforderung, manchmal auch innere Notwendigkeit, sich die Ethik in einer (sicher manchmal auch schmerzhaften) inneren Dialektik von Gewissen, Selbsterhaltung und Trieben abzuringen. Wer dies tut, der tut es nicht aus naheliegenden Zwecken heraus, sondern in Freiheit.

Hier scheint mir das zweite Geheimnis der Freimaurerei zu liegen; es ist zugleich eine ihrer notwendigen Voraussetzungen: Erst in der Freiwilligkeit der Selbstvervollkommnung kann die geistige Unabhängigkeit gewonnen werden, die zum mündigen Gebrauch des eigenen Verstandes die Voraussetzung ist.

Wie heiter und selbstverständlich klingt dies noch bei Goethe, der seinen Wilhelm Meister über das "Erkenne Dich selbst!" sagen läßt:

"Gib einigermaßen acht auf Dich selbst, nimm Notiz von Dir selbst, damit Du gewahr werdest, wie Du zu Deinesgleichen und der Welt zu stehen kommst. Hierzu bedarf es keiner psychologischen Quälereien; jeder tüchtige Mensch weiß und erfährt, was es heißen soll; es ist ein guter Rat, der einen jeden praktisch zum größten Nutzen gedeiht."
(Aus: "Wilhelm Meisters Wanderjahre" (S.472))