W. S.

Freimaurerei und Atheismus


Ausgangspunkt für die nachfolgenden Überlegungen war ein Aufsatz in der Humanität Nr. 7 vom Oktober/November 1992 von Bruder Hans-Hermann Höhmann mit dem Titel "3 große Lichter - 3 goße Anstöße" und ein diesem Aufsatz widersprechender Leserbrief in der Humanität Nr. 8 vom Dezember 1992 mit der Überschrift "Trojanische Pferde Ante Portas" von Bruder Günter Wiemann. Der Widerspruch der Auffassungen bezieht sich auf die Frage des Erfordernisses einer religiösen Bindung des Freimaurers.

In dem "Lexikon des Geheimwissens" von Horst E. Miers fand ich zu dem Thema Atheismus u. a. die Aussage, daß trotz aller gegenteiligen Beteuerungen der größere Teil der Freimaurer zu den Atheisten gehört, mit der Begründung, nicht das formelle Bekenntnis zum Gottesglauben sei entscheidend, sondern vielmehr eine auf die Existenz eines Gottes eingestellte Lebensführung. Dazu der Hinweis, die Freimaurerei sei unter dem Vorwand der Toleranz gegenüber dem Atheismus ziemlich gleichgültig. Es ging mir durch den Kopf, wie es in dieser Hinsicht um mich selber bestellt ist. Welche Gedanken bewegen mich eigentlich, wenn wir im Zuge der Arbeit nach unserem Traditionsritual aufgerufen werden, jeder für sich an den zu denken, den er im Sinnbild des "Allmächtigen Baumeisters aller Welten" (ABAW, GBAW) sieht. Eigentlich doch ganz einfach. Ich bin getauft; ich bin Christ; Religion lutherisch steht in meiner Lohnsteuerkarte. Aber wie sieht es in meinem Herzen aus? Glaube ich an Christus? Bin ich nur ein Nenn-Christ? Wie weit bin ich eigentlich von einem Atheisten entfernt? Eine Reihe Fragen, über die ich gern einmal Gedanken austauschen würde, und wo könnte ich das besser als in unserem Kreis.

Wenn wir ein freimaurerisches Thema anpacken, so gibt es am Beginn immer zwei Quellen, auf die wir üblicherweise zurückgreifen, und das werde ich auch tun:

  • das Lexikon und
  • die Alten Pflichten
  • Zunächst möchte ich mich dem Begriff Atheismus zuwenden, der gemäß Lexikon von Atheos (griechisch) kommt und bedeutet "ohne Gott, gottlos". Kurz gefaßt bedeutet es Gottesleugnung, Verneinung der Existenz Gottes oder seiner Erkennbarkeit. Das Freimaurerlexikon sagt, daß Atheismus streng genommen den Seelenzustand eines Menschen bedeutet, der z. B. vom Dasein eines Gottes niemals etwas gehört hat oder der einfach an das Dasein eines Gottes nicht glaubt. Im Sprachgebrauch der einzelnen Konfessionen bedeutet dann aber Atheismus einen Gottlosen, der an einen bestimmten Gott und seine Vorstellungen nicht glaubt. Somit war es möglich, daß in der Religionsgeschichte im Sprachgebrauch der einzelnen Konfessionen jeweils diejenigen als Atheisten bezeichnet wurden, die die offiziellen Götter nicht anerkannten und an deren öffentlichem Kult nicht teilnahmen. Im römischen Kaiserreich zählten zu ihnen zeitweise auch die Christen. Über den Atheismus und seine lange Geschichte gibt es umfangreiche Abhandlungen mit philosophischen Betrachtungen und Deutungen. Man unterscheidet u. a. den militanten Atheismus der kommunistischen Staaten von dem schleichenden Atheismus des Westens mit unterschiedlichen Erscheinungsformen aber zusammenhängendem Ursprung. Eine Auseinandersetzung mit dem Begriff Atheismus würde den Rahmen dieser Zeichnung sprengen, aber vielleicht können wir im Rahmen der Diskussion eine gemeinsame Vorstellung davon entwickeln. Im Zuge einer Betrachtung aus der Sicht der Freimaurerei würde ich ihn zunächst einmal als eine Negierung der Existenz eines Gottes deuten und eine ausdrückliche Verleugnung ebenso einschließen, wie eine gleichgültige innere Haltung gegenüber Glaubens- und Religionsfragen.

    Jedem von Euch ist bekannt, daß wir auf den Begriff Atheist stoßen, wenn wir uns jetzt den "Alten Pflichten" zuwenden, am bekanntesten als Konstitutionsbuch Andersons in der Fassung von 1723. Es hat sie später in weiteren Fassungen gegeben und auch die verschiedenen Übersetzungen ins Deutsche haben zu leicht voneinander abweichenden Texten geführt. Generell enthält jedoch der Artikel 1 mit der Überschrift "Von Gott und der Religion" folgende Aussage:

  • Der Maurer ist verpflichtet, dem Sittengesetz zu gehorchen.
  • Er wird kein engstirniger (teilweise auch übersetzt mit stupider) Gottesleugner sein, wobei in einigen Fassungen an der Stelle von Gottesleugner auch Atheist steht, also kein stupider Atheist.
  • Er wird kein bindungsloser Freigeist sein.
  • Er verpflichtet sich zu der Religion, in der alle Menschen übereinstimmen und beläßt jedem seine besonderen Überzeugungen selbst.
  • Es sollten also gute und redliche Männer sein, von Ehre und Anstand, ohne Rücksicht auf ihr Bekenntnis oder darauf, welche Überzeugungen sie sonst vertreten mögen.
  • Auch hierzu gibt es viele umfangreiche und interessante Abhandlungen. Einige Deutungen sehen schon in den Adjektiven engstirnig oder stupide eine Abgrenzung zu einem anderen (guten) Atheisten, der vielleicht akzeptabel sein könnte. Auch bei dem Freigeist gibt es vielleicht einen Unterschied zwischen einem bindungslosen und einem anderen. Ich will mir nicht anmaßen, weitere Deutungen hinzuzufügen und zu begründen. Gefühlsmäßig ist mein Verständnis, daß die Logen aus den im Kirchenbau tätigen Bauhütten entstanden sind und es daher das Verständnis der damaligen Freimaurerei war, daß der Begriff Atheist so negativ belegt war, daß ein dies ausdrückendes Adjektiv zu einer selbstverständlichen Formulierung bzw. Ausdrucksweise gehörte und keine zusätzlichen Unterscheidungen ausdrücken sollte.

    Aber wie steht es mit dem Sittengesetz, dem zu gehorchen ist? Sind es die 10 Gebote, wie ich an einer Stelle gelesen habe, dann wäre der Gegensatz zum Atheisten deutlich und logisch. Aber Sittengesetz wird auch anders verstanden. Das Freimaurerlexikon sagt "Sittengesetz ist im allgemeinen jede sittliche Norm". Es führt Kant an, der als höchste Norm der Sittlichkeit den Kategorischen Imperativ formuliert hat: "Handle so, daß die Maxime Deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte". In seiner Auffassung ist die Quelle der Sittlichkeit, im gegensatz zur Offenbarung des Sittengesetzes in der Religion, die "praktische Vernunft", die dem Menschen ein "allgemeines Gesetz, welches wir das Sittengesetz nennen", gibt.

    In welchem Sinne in den "Alten Pflichten" der Begriff Sittengesetz ursprünglich gemeint war, ist laut Freimaurerlexikon heute schwer zu erkennen; wahrscheinlich im Sinne der 10 Gebote, wobei aber der Glaube an die göttliche Offenbarung derselben nicht ausgesprochen wurde. Das Freimaurerlexikon sagt weiter, daß die freimaurerische Ideologie aber schon in dieser ihrer ersten Formulierung (den Alten Pflichten) dadurch ihren Ausdruck fand, daß das sittliche Problem in den Vordergrund gerückt ist und erst in zweiter Linie das religiöse Moment erscheint. Weiter sagt das Freimaurerlexikon, daß die spätere Gestaltung des Begriffes des Sittengesetzes durch Kant das freimaurerische Denken sehr beeinflußt hat. Zitiert wird Otto Heinichen mit "in Kants Autonomie des Sittengesetzes sehen wir den Grundgedanken aller Grundgedanken der Freimaurerei".

    Wenn man vom Sittengesetz zum Begriff Sittlichkeit überwechselt, so finden wir im Freimaurerlexikon die Aussage, daß in der Sittlichkeit die Freimaurerei das allen Religionen gemeinsame findet, die Religion, in der alle Menschen übereinstimmen können, die aber nicht als eine göttliche Offenbarung aufgefaßt wird. An anderer Stelle werde ich noch darauf kommen, daß im Gegensatz hierzu das gemeinsame aller Religionen auch in etwas anderem gesehen werden kann, nämlich in dem Glauben an ein göttliches Wesen.

    Der Unterschied zwischen den Religionen und der Freimaurerei in bezug auf die Sittlichkeit wird darin gesehen, daß die Religionen im Glauben die Voraussetzung der Sittlichkeit sehen, die Freimaurerei dagen der Ansicht ist, daß die Sittlichkeit zur Religion führt. Sie fordert nicht ein seliges Leben im Jenseits, sondern im Sinne des Humanitätsideals ein sittliches Leben im Diesseits.

    Über das Verhältnis der Freimaurerei zur Religion gibt ein Dokument Auskunft, das im Juni 1983 von der Vereinigten Großloge von England angenommen wurde und den Titel "Freimaurerei und Religion" trägt. Daraus möchte ich die mir wichtigsten Passagen zusammenfassen:

  • Die Freimaurerei ist keine Religion und auch kein Ersatz für eine Religion.
  • Sie verlangt von ihren Mitgliedern den Glauben an ein Höchstes Wesen, vermittelt aber kein Glaubenssystem.
  • Die Freimaurerei ist offen für Menschen aller Glaubensbekenntnisse, aber Diskussionen über Religion sind in ihren Versammlungen verboten.
  • Die Bezeichnung für das Höchste Wesen erlaubt Männern unterschiedlicher Glaubensbekenntnisse sich in gemeinsamen Gebet zu vereinigen (jeder zu dem Gott, den er sich vorstellt), ohne daß der Gehalt des Gebetes Uneinigkeit unter ihnen hervorrufen kann. Es gibt keinen besonderen freimaurerischen Gott; der Gott eines Freimaurers bleibt der Gott des Bekenntnisses, dem er angehört.
  • Im Unterschied zur Religion fehlen der Freimaurerei grundlegende Elemente einer Religion, denn sie hat kein Dogma und keine Theologie, sie bietet keine Sakramente an und sie sucht kein Seelenheil durch Werke, geheime Erkenntniss oder auf andere Weise.
  • Die Freimaurerei ist eine Stütze der Religion. Ohne sich in deren Ausübung einzumischen, erwartet sie, daß ihre Mitglieder ihrem eigenen Glauben folgen und über alle anderen Verpflichtungen jene über Gott stellen, unter welchem Namen er auch verehrt wird. Ihre moralischen Forderungen sind für jede Religion annehmbar.
  • Wir haben jetzt festgestellt, daß die Freimaurerei auf der einen Seite den Atheismus ablehnt, auf der anderen Seite aber offen sein will für Menschen aller Religionen. In der Absicht, jedem seinen Glauben zu lassen, erwartet sie - ich sage einmal "nur" - den Glauben an ein höchstes Wesen, über das aber nichts ausgesagt wird und dessen Auffassung und Verehrung jedem überlassen bleibt. Wir alle wissen, daß sich hiermit der Begriff ABAW als Symbol verbindet und unsere Symbole frei sind für die Ausdeutung durch jeden einzelnen Freimaurer. Nur sehe ich hier eine Eingrenzung in der Belegung des Symbols dahingehend, daß der ABAW einen göttlichen Inhalt haben muß, wie auch immer seine Erscheinung und sein Wirken gesehen wird; denn die Alternative wäre die Überzeugung, daß alles um uns herum vom Zufall oder von physikalischen oder chemischen sich selbst steuernden Vorgängen abhängig ist.

    Eingehen möchte ich noch darauf, daß die grundsätzliche Unvereinbarkeit von Freimaurerei und Religion in der westlichen Welt einzig von der katholischen Kirche erklärt worden ist. Bruder Jürgen Holtorf hat diesem Thema viel Raum in seinem Buch "Die verschwiegene Bruderschaft" gewidmet. U. a. hat er den vollständigen Text einer "Erklärung der deutschen Bischofskonferenz zum Verhältnis katholische Kirche und Freimaurerei in Deutschland" vom Mai 1980 wiedergegeben. Die Schlußfolgerung daraus ist, daß die gleichzeitige Zugehörigkeit zur katholischen Kirche und zur Freimaurerei unvereinbar ist. Die Begründungen dafür möchte ich jetzt nicht anführen, sie sind nachlesbar. Interessant fand ich vielmehr - und darauf möchte ich etwas näher eingehen - die Stellungnahme dazu durch einen katholischen Pater Alois Kehl, die als die vermutlich gründlichste Stellungnahme überhaupt in der aktuellen Auseinandersetzung zum Ende des Dialogs der Deutschen Bischofskonferenz angesehen wird. Interessant ist die Auffassung von Pater Kehl deswegen, weil er in vielen Punkten der Erklärung der deutschen Bischofskonferenz widerspricht. Einige daraus möchte ich aufgreifen, da sie in einem direkten Bezug zu meinem Thema stehen.

    Er widerspricht der Auffassung der Bischofskonferenz, der in den "Alten Pflichten" gebrauchte Begriff der "Religion, in der alle Menschen übereinstimmen" würde eine relativistische Religionsauffassung implizieren. Dazu sei ins Bewußtsein gerufen, daß Relativismus eine erkenntistheoretischen Lehre ist, nach der nur die Beziehung der Dinge zueinander, nicht aber diese selbst, erkennbar sind sowie die Anschauung, nach der jede Erkenntnis nur relativ (bedingt durch den Standpunkt des Erkennenden) richtig ist, jedoch niemals allgemein gültig sein kann. Pater Kehl widerspricht mit der folgenden Begründung - ich zitiere: Eine "Religion, in der alle Menschen übereinstimmen" gibt es bisher noch nicht und ist am wenigsten von der Freimaurerei entdeckt worden. In diesem Sinne aufgefaßt ist der Ausdruck Unsinn. Zu verstehen ist er im Sinne des allgemeinsten Nenners, in dem die verschiedenen Religionen übereinstimmen: Katholiken, Protestanten, Christen allgemein, Juden, Moslems, Hindus, Gottesgläubige stimmen alle darin überein, daß sie an ein göttliches Wesen glauben und genau das ist die Forderung, die die Freimaurerei an ihre Mitglieder stellt, wobei sie "jedem seine besondere Überzeugungen selbst" beläßt. Pater Kehl fährt fort: Man kann die Haltung der Freimaurerei zur Religion so formulieren:

    Die Freimaurerei ist keine Glaubensgemeinschaft, sondern eine Gemeinschaft von Glaubenden. Damit steht sie nicht im Gegensatz zu einer Grundüberzeugung des Christentums, wie es die Erklärung der Bischofskonferenz behauptet. Pater Kehl verweist auf freimaurerische "Mitteilungen für Aufnahmesuchende", in denen es heißt: "Die Freimaurerei fordert von ihren Mitgliedern ausdrücklich volle Hingabe an die ihnen zur tröstlichen Überzeugung gewordenen religiösen Lehren und Bekenntnisse, ohne nach den Verschiedenheiten zu fragen, wenn sie nur überhaupt dem sittlichen Zweck des menschlichen Daseins nicht widersprechen.

    Diese Aussagen finde ich nicht nur interessant, weil sie von der "Gegenseite" kommen, sondern weil sie auch für mich eine Erläuterung der für mich noch nicht schlüssig erklärten Aussage über die "Religion, in der alle Menschen übereinstimmen" gebracht hat, was ich schon an anderer Stelle angesprochen hatte. Nur was ist das wirkliche Gemeinsame? Nur die vorher erwähnte Sittlichkeit oder der Glaube an ein göttliches Wesen, wobei das eine das andere nicht ausschließt.

    Zum Thema "der Gottesbegriff der Freimaurer" geht Pater Kehl auf den GBAW ein. Sein Widerspruch zu der Auslegung in der Erklärung der Bischofskonferenz war für mich weniger interessant als seine Ausführungen zum GBAW, indem er sagt: "Wenn der GBAW ein "neutrales ES" ist (wie es die Erklärung der Bischofskonferenz ansieht), dann ist er damit definiert; dann ist er damit nicht mehr offen für jedwedes Verständnis; dann kann eben nicht mehr jeder seine eigene Gottesvorstellung einbringen, gleich welcher Religion er ist; dann würde damit ein Glaubensbekenntnis zum "neutralen ES" gefordert, und es könnte niemand mehr in den Freimaurerbund aufgenommen werden, der ein anderes Glaubensbekenntnis hat. Der GBAW ist vielmehr von den Freimaurern nur als Symbol gedacht, das zwar gedeutet wird: Gott, aber dessen Inhalt offenbleibt für die gläubige Überzeugung der einzelnen. Er fährt an etwas späterer Stelle fort: Wenn ein Freimauer gefragt würde, welchen Gottesbegriff der Freimaurer habe, würde er antworten müssen: "Die Freimaurerei hat keinen Gottesbegriff, aber ich habe einen".

    Aus allen bisherigen Ausführungen ergibt sich für mich die Aussage, daß die Freimaurei von ihren Mitgliedern den Glauben an ein göttliches Wesen erwartet und damit eine Unvereinbarkeit besteht zum Atheismus. Mit dieser Aussage möchte ich eingehen auf die eingangs erwähnte Meinung und Gegenmeinung in der Humanität. Der Bruder Höhmann stellt heraus, daß die Bibel als das Buch des heiligen Gesetzes und der GBAW umfassende Sinnsymbole des Bundes darstellen und als solche vom Freimauer zu respektieren sind. Er schließt daraus - ich zitiere - :

    Die Frage nach der religiösen Überzeugung eines Suchenden, ja danach, ob er überhaupt eine konkrete Gottesvorstellung hat, ist für die Freimaurerei irrelevant, ja sie ist unzulässig. Der Freimaurer hat sich moralisch, nicht religiös zu verpflichten. Ein guter und redlicher Mann soll er sein, ein Mann von Ehre und Anstand, ohne Rücksicht auf Bekenntnis und Überzeugung - dieser Forderung der "Alten Pflichten" ist nichts hinzuzufügen.

    Er fährt fort:

    Die humanitäre Freimaurerei ist offen für Menschen aller Weltanschauungen und Religionen, und sie ist offen auch für Menschen mit keiner religiösen Bindung im herkömmlichen Sinne. Das müssen wir deutlich machen, nicht zuletzt auch in Mittel- und Ostdeutschland, in der säkularisierten "Nach-DDR-Gesellschaft". Die Menschen, die zu uns kommen wollen, müssen allerdings fähig sein, sich in die Gemeinschaft der Loge einzugliedern, sie müssen mit den ethischen Prinzipien der Freimaurerei übereinstimmen, und sie müssen die Symbolwelt des Freimaurerbundes akzeptieren. Zu dieser Symbolwelt gehören auch Gesetzbuch und der GBAW. (Ende des Zitates)

    Für mich ergibt sich in der Aussage selbst ein Widerspruch, denn ich kann mir - wie schon erwähnt - nicht vorstellen, das Symbol des GBAW mit etwas anderem als einem göttlichen Wesen, wie immer es sich für mich darstellt, zu belegen. Somit kann ich nicht gleichzeitig das Symbol akzeptieren und ein Mensch ohne religiöse Bindungen sein.

    Nun zu der ablehnenden Reaktion des Bruder Wiemann. Er ergänzt die soeben zitierte Aussage des Bruder Höhmann durch einen Hinweis auf dessen angebliche frühere Aussage, daß man keinem ernsthaft Strebenden den Zugang zur Loge verwehren dürfe, und sei sein Bekenntnis zu den großen Fragen der Menschheit auch ein humanitär-atheistisches. Er stellt dagegen die Ansicht, daß am Bekennerprinzip zum GBAW unbedingt festgehalten werden muß, und zwar in einer allen Brüdern verständlichen Form, die "Weltanschauungen" zunächst einmal auf die Plätze verweist. Dabei ist er des Glaubens, daß sich die Ethik des Freimaurers, seine Moral, an das Wissen um ein "irgendwie Göttliches" anlehnt und nicht aus dem eigenen speist.

    Auch wenn der Bruder Höhmann seinen Artilkel mit sehr viel Bezug auf freimaurerische Grundlagen würzt, ist doch mein Gesamteindruck, daß er eine religiöse Bindung des Freimaurers mit einem zumindest erforderlichen Glauben an ein Höheres Wesen nicht als zwingend ansieht. Ich stimme dem Bruder Wiemann zu, daß der Bruder Höhmann sich damit in den Gegensatz zu der herkömmlichen Betrachtung, fußend auf den "Alten Pflichten", begibt. Doch diese Aussage will ich nicht als Kritik, sondern als Feststellung gewertet wissen.

    Zu untersuchen wäre aber, ob die "Alten Pflichten", die aus einer Zeit mit ganz anderen Anschauungen heraus entstanden sind, in diesem Punkt weiterhin Gültigkeit haben müssen. Können wir uns heute dahingehend einschränken, daß wir den Atheisten als Gegensatz herausstellen? Am ehesten können wir dies bei dem erklärten Atheisten, der sich ausdrücklich zu seiner Leugnung der Existenz eines Gottes bekennt. Wie ist es aber mit den sicherlich vielen Menschen, die formal eine Religionszugehörigkeit haben, nicht aber im Herzen, und zwar aus Gleichgültigkeit und nicht aus überlegter Leugnung der Existenz eines Gottes? Vermutlich ist dieses eine große Zahl, und unter ihnen sind unendlich viele Menschen, die aus Erziehung und Überzeugung trotzdem ethische und moralische Grundsätze haben und danach handeln, wie wir sie von einem Suchenden erwarten, die also dem Sittengesetz folgen.

    Wie wollen wir überhaupt herausfinden, ob ein Bruder an einen Gott oder ein Höheres Wesen glaubt. Eine klare Aussage haben wir doch nur, wenn er dies verneint. Wenn er es verbal bejaht, können wir ihm noch lange nicht ins Herz sehen. Daß ich getauft bin und in meiner Lohnsteuerkarte als Religionszugehörigkeit "lutherisch" steht, ist noch kein Beweis. Durch Konfirmationsunterricht und Konfirmation ist mir die Existenz Gottes und seines Sohnes Jesus Christus nahegebracht worden. Ich habe somit jemanden, den ich im ABAW sehen kann. Damit bin ich formal zu unterscheiden von einem Atheisten, aber es ist noch keine Aussage getroffen über die Intensität meines Glaubens.

    Dabei kommt mir ein kürzlich mit einem Geschäftsfreund geführtes Gespräch in Erinnerung. Er berichtete mir sehr offen von seiner aktiven Arbeit in der Kirchengemeinde, auch darüber, daß er in dem Zusammenhang den zehnten Teil seines Einkommens der Kirche spendet. Offen sagte er mir, daß ihm aber zu einem echten Gläubigen - wie er es nannte - ewa 40 cm fehlen, und zwar die 40 cm zwischen seinem Gehirn und seinem Herzen. Er würde immer darauf hoffen, eines Tages auch diese Differenz überbrücken zu können und damit ein wirklich gläubiger Christ zu werden.

    Ich meine daher, daß wir unsere Suchenden nicht nach ihrem Glauben befragen sollten, da wir die Antwort nicht einzuschätzen vermögen; wobei hinzukommen kann, daß der Befragte möglicherweise selber Schwierigkeiten hat, sich in diesem Punkt zu erkennen und zu artikulieren, wenn nicht seine Antwort - wie bereits erwähnt - ganz eindeutig die ist, daß er nicht an einen Gott glauben würde. Es muß daher für uns ausreichend sein, wenn wir dem Interessierten und dem Suchenden sagen, was wir erwarten. Wenn wir ihm also zu verstehen geben, daß ein erklärter Atheist mit den Grundsätzen des Bundes nicht vereinbar ist, da er damit ein wesentliches Symbol unseres Bundes nicht akzeptieren kann, und er sich dennoch entscheidet zu uns zu kommen, sollten wir ihm seinen Glauben an ein Höheres Wesen einfach unterstellen und ihn nur danach beurteilen, ob er in allen anderen Anforderungen zu uns paßt, die wir an einen neuen Bruder haben.

    Damit ist weiterhin keine Aussage zu der Frage gemacht, ob unsere "Alten Pflichten", die einen Atheisten ablehnen, nicht zeitgemäß sind. Ich würde mich damit überfortdert fühlen, dieses abschließend zu beantworten. Aus dem vorher Gesagten über das Thema, der Intensität des Glaubens und der für uns nicht erkennbaren Grenze zwischen Atheismus und nur formaler Religionszugehörigkeit würde ich gefühlsmäßig dazu neigen, den Menschen in erster Linie nach seinen moralischen und ethischen Überzeugungen und insbesondere nach seinem diesbezüglichen Handeln beurteilen. Dennoch würde ich die von mir schon erwähnte Auffassung, daß die sonst freie Deutung des Symbols ABAW sich auf ein göttliches Wesen beziehen muß, beibehalten. Zu dem Gedankentum der Freimaurerei insgesamt würde etwas anderes nicht passen, und somit glaube ich auch, daß sich ein erklärter Atheist bei uns nicht zu Hause fühlen kann.

    Zum Schluß möchte ich Euch bitten, meine Ausführungen mehr als eine Diskussionsgrundlage als eine fundierte Betrachtung und Meinungsbildung meinerseits anzusehen. Es sind Fragen offengeblieben und Zitate oder eigene Aussagen von mir sind angreifbar. Aber das bringt vielleicht die Würze für unsere Diskussion.



    * * *